Seewinkel entdecken: Steppe, Salzseen und Safari-Atmosphäre im Osten Österreichs

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Österreichs östlichster Zipfel wirkt wie eine andere Welt: warm, trocken und steppenartig. Im Burgenland, östlich des Neusiedler Sees, liegt mit 114 Metern über dem Meeresspiegel der tiefste gemessene Punkt des Landes und eine Landschaft, die viele Klischees über die Alpenrepublik infrage stellt.

Abendstimmung und Steppenrinder

Auf einer Abendtour zeigt Ranger und Biologe Manuel Böck, wie schnell aus Ruhe Aufregung wird. «Wir haben wahnsinniges Glück, da kommen sie!», ruft er, als am Horizont mehrere helle Punkte erscheinen.

Steppenrinder silhouettiert am Horizont bei Sonnenuntergang
Abendstimmung: Steppenrinder ziehen in Herden über die goldbraune Ebene.

Aus der Ferne werden die Tiere größer, schließlich zeigen sich die langen, nach oben gebogenen Hörner. Es handelt sich um Steppenrinder, die in Herden über die weite, goldbraune Ebene ziehen. Neben den Rindern tauchen auch die dunklen Rücken der Wasserbüffel auf, die das Ufer des Sees offen halten.

Ein Stück Pannonien in Österreich

Die Gegend östlich des Neusiedler Sees gehört zur pannonischen Steppe. Weinreben, Amaranth-Felder und Sonnenblumen wechseln mit sandigen Trockenrasen und buschigen Eichen.

Böck beschreibt die Region als «eine 800 Jahre alte Kulturlandschaft»: Einst hätten hier Eichenwaldsteppe und dichte Bestände geherrscht, die im Mittelalter großflächig gerodet wurden. Durch Beweidung blieb das offene Gelände erhalten, das heute wie eine Savanne wirkt.

Safaris, Land Rover und Taranteln

Die St. Martins Therme & Lodge bietet seit einigen Jahren Ranger-Touren im Nationalpark an, die touristisch als «Safaris» vermarktet werden. Auf einer Familienexkursion rumpelt ein alter Land Rover über Schotterpisten, Böck beantwortet geduldig Fragen zu Tier und Pflanze.

Die Kinder sind besonders neugierig auf die sogenannte Südrussische Tarantel. Böck erklärt, dass die Männchen im Herbst auf Wanderschaft gehen und mit Glück zu sehen sind. Bisse seien ihm persönlich nicht bekannt. Solche Erklärungen machen die Touren für Familien attraktiv.

Vogelparadies am Schilfrand

Ranger Lukas Vendler vom Nationalparkzentrum Illmitz distanziert sich vom Begriff «Safari». «In Afrika auf Safari zu gehen, ist was ganz anderes», sagt er. Der Begriff wecke falsche Erwartungen, findet er, auch wenn die Beobachtungen hier ebenso eindrücklich sind.

Auf erhöhten Beobachtungshütten lässt sich das Leben am See aus nächster Nähe verfolgen: Stelzenläufer, Löffler, Flussseeschwalben und Rotschenkel gehören dazu. Laut Vendler wurden bislang rund 370 Vogelarten im Seewinkel registriert; bei dreistündigen Führungen seien oft 70 bis 80 Arten zu sehen.

Vendler macht auch einen Zusammenhang mit dem Klimawandel geltend: «In den Bergen verschwinden Lebensräume. Für die Vögel entstehen am See neue.» Ein Pelikan etwa verweilte 2019 drei Wochen am Neusiedler See. Beobachter sehen zudem Chancen, dass beispielsweise Kuhreiher künftig auch im Seewinkel brüten.

Bedrohte Salzlacken

Ein markantes Ziel ist der Darscho, auch Warmsee genannt. Die spiegelnde Fläche wirkt wie eine Fata Morgana, türmt sich salzig im flachen Land auf. Das Wasser ist so salzig, dass viele Säugetiere nicht daraus trinken können.

Flache, salzige Lacke mit spiegelnder Oberfläche im Seewinkel
Der Darscho: spiegelnde Salzlacken prägen die Landschaft und bieten Lebensraum für Watvögel.

Gleichwohl sind die flachen Sodaseen ein wichtiges Habitat für Watvögel wie den Säbelschnäbler. Vendler zeigt den Besuchern Urzeitkrebse, von denen sich manche dieser Vögel ernähren. Zugleich warnt er vor sinkenden Grundwasserständen: Vor rund 200 Jahren gab es noch etwa 140 Lacken im Seewinkel, heute sind es nur noch rund 30.

Steppenflora und Volkslegenden

Auch spezielle Pflanzen prägen das Bild. Der Feld-Mannstreu etwa rollt bei Trockenheit über die Flächen und verbreitet so seine Samen. Eine alte Volkserzählung erklärt den Namen damit, dass Bäuerinnen die stachelige Pflanze einst heimlich unter die Bettdecke legten, um heimkehrende Männer zu bestrafen. Ranger Vendler nennt die Pflanze gern einen «Steppenroller» und erläutert die besondere Bruchstelle am Stiel, die das Wegrollen ermöglicht.

Praktische Hinweise

Der Seewinkel liegt im Burgenland und reicht bis zur ungarischen Grenze. Der Nationalpark Neusiedler See–Seewinkel geht auf ungarischer Seite im Fertő–Hanság-Nationalpark weiter; Teile der Region sind als UNESCO-Welterbe geschützt.

Anreise: Mit dem Auto beträgt die Fahrzeit ab Berlin über Tschechien (je nach Route auch über die Slowakei) rund sieben Stunden, ab Köln etwa neun Stunden, ab München rund fünf Stunden. Per Bahn über Wien erreichen Regionalzüge die Region in etwa 40 Minuten.

Beste Reisezeit: Der Seewinkel zählt zu den wärmsten Gegenden Österreichs; im Sommer können Temperaturen um 40 Grad auftreten. Bis Ende Oktober liegen die Tagestemperaturen häufig zwischen 15 und 20 Grad. Der Herbst ist besonders gut für Vogelbeobachtungen.

Touren und Preise: Geführte Nationalparktouren, darunter Familienexkursionen, sind teils kostenfrei, teils zwischen 16 und 35 Euro; Kinder zahlen meist die Hälfte (nationalparkneusiedlersee.at). Die zweieinhalbstündige «Große Familien-Entdeckertour» der St. Martins Therme kostet 33 Euro pro Erwachsenem, Kinder zahlen 24 Euro (stmartins.at/safariangebote).

Weitere Informationen: neusiedlersee.com; burgenland.info.

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