Gefangen in China: Lasst Nils endlich nach Hause!

Artikel geschrieben von am 10. Januar 2013

Nils Jennrich wartet in China auf seine Anklage.

Stellt Euch vor, ihr besucht China, werdet verhaftet, auf engstem Raum mit zehn anderen Inhaftierten ohne Anklage in Untersuchungshaft gesteckt und müsst dort vier Monate unter menschenverachtenden Zuständen überleben. In dieser Situation befand sich Nils Jennrich, ein 32-jähriger Mann auch Fockbek (in der Nähe von Kiel), der wegen Schmuggel und Steuerhinterziehung von den chinesischen Behörden festgenommen worden ist. Inzwischen konnte Nils die U-Haft verlassen, darf aber nicht aus Peking oder China ausreisen und wartet darauf, wann oder ob überhaupt Anklage erhoben wird.

Rückblick 29. März 2012: Nils Jennrich leitet in Peking eine Kunstspedition. Der 32-Jährige bekommt Besuch von chinesischen Zollbeamten, die alle Räume durchsuchen, Waren und Computer beschlagnahmen und ihn und sein chinesische Kollegin festnehmen. Der Vorwurf: Den Wert der Gemälde beim Import zu niedrig angesetzt zu haben, um so den eigentlichen Besitzern einen deutlichen Vorteil zu verschaffen. Es geht um zehn Millionen Renminbi, umgerechnet etwa 1,3 Millionen Euro. In China geht man dafür zwischen zehn Jahren und lebenslänglich ins Gefängnis.

Jennrich wird in das berüchtigte Pekinger Untersuchungsgefängnis I gebracht, in dem er innerhalb von vier Monaten auf 62 Kilo Körpergewicht abmagert. Nils ist 1,89 Meter groß. Am 3. August 2012 darf er, wahrscheinlich auf Druck der deutschen Regierung, das Gefängnis verlassen. Peking nicht!

Inzwischen, so die Mutter von Nils, hat der Zoll ihrem Sohn mitgeteilt, dass es sich nur noch um zwei nicht richtig verzollte Gemälde handeln soll. Der Wert: 1.095 Dollar! Für den Zoll war die Sache damit erledigt. Nun liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft, die entscheiden muss, ob eine Anklage erhoben werden soll oder nicht. Diese spricht jetzt aber auf einmal von 18 Millionen und die Anwälte von Nils dürfen nicht einmal die Unterlagen einsehen. Zeit, sich für oder gegen eine Anklage zu entscheiden, haben die chinesischen Behörden genug: Innerhalb von neuneinhalb Monaten muss der Staatsanwalt sich äußern.

Warum ausgerechnet Nils ins Visier der Behörden gelangt ist, ist bis heute unklar. Der 32-Jährige war in der Spedition für die Lagerung der Gemälde zuständig, die zuvor vom chinesischen Zoll geprüft und freigegeben worden sind. Die Familie vermutet, dass Nils als Druckmittel in einer groß angelegten Kampagne gegen Steuerhinterziehung benutzt wird. Und welches Land eignet sich da nicht besser als Deutschland

Ich selbst kenne Nils überhaupt gar nicht. Aber, als ich Nils und seine Geschichte gelesen habe, habe ich mir die Frage gestellt, wie es wohl sein muss, in einem fremden Land einfach für vier Monate in ein „Loch“ gesteckt zu werden, ohne konkrete Angabe von Gründen und am Ende wohl wegen 1.095 Dollar? In welcher Welt leben wir eigentlich? Deshalb rufe ich bis nach China: „Lasst Nils endlich nach Hause!“

Weitere Infos zu Nils findet ihr auf der Facebook-Seite Free Nils Jennrich.

Text: Jörg Baldin / Fotos: Privat

Jörg Baldin

Über den Autor

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Als Journalist und Business-Trainer ist Jörg Baldin viel in der Weltgeschichte unterwegs und berichtet als Reiseblogger und als Lifestylejournalist auf BREITENGRAD53 per Text, Bild und Video von seinen Erlebnissen. Ihr findet mich auch auf Google+

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4 Responses to Gefangen in China: Lasst Nils endlich nach Hause!

  1. Welch ein Horrorszenario. Nein, so etwas wünscht man wirklich niemandem. Gut, was wirklich dahinter steckt, werden nur die beteiligten Personen wirklich wissen. Und wie meine alte Lehrerin zu sagen pflegte: “Wo Rauch ist, da ist auch Feuer.” Dennoch, sobald man versucht, sich selber in diese Situation hineinzudenken, kann einem doch nur der kalte Schauer über den Rücken laufen.

  2. Was ich mich gefragt habe: Was sind das für Vorurteile gegen China, die hinter diesem Artikel stecken? Ich kenne die Geschichte nicht, sondern habe nur gelesen, was in diesem Artikel steht. Aber ich schreibe gerne ein paar Gedanken dazu (auch als jemand, der selber seit mehreren Jahren in Peking lebt).

    Erstens ist es vollkommen normal, dass jemand in Untersuchungshaft kommt, wenn die Staatsanwaltschaft ein ernsthaftes Vergehen vermutet wie hier in diesem Fall. Das wäre in Deutschland genauso. Wie Steuerbetrug gewertet wird, hängt von der nationalen Gesetzgebung. In China ist das Höchstmass die Todesstrafe, was ja zeigt, dass Peking Steuerbetrug durchaus ernstnimmt – egal, ob man nun strenge Strafen gutheisst udn auch egal, dass in China Steuerbetrug eine Art von Volkssport ist. Aus dem Text lese ich auch heraus, dass die Vorwürfe nicht vollkommen aus der Luft gegriffen sind.

    Zweitens werden Ausländer in Peking nicht in “berüchtigte” Gefängnisse gesteckt, sondern in aller Regel in recht gute und moderne. Ich habe das aus erster Hand gehört von jemanden, der schon einmal eines besucht hat und auch im Internet gibt es zahlreiche Berichte von inhaftierten Ausländern, von denen bisher keiner über eine besonders schlechte Behandlung klagte. Ein “Loch” war das mit ziemlicher Sicherheit nicht.

    Ich frage mich also, wie es kommt, dass eine Untersuchungshaft in China ein grosser Skandal sein kann, wenn sie in Deutschland ganz normal wäre.

    • @Oliver: Danke für Deinen Kommentar. Der eigentliche Skandal für mich ist, dass Nils in China ohne Anklage für 4 Monate inhaftiert worden ist und das die Anwälte bis heute noch nicht einmal die Akten zu Gesicht bekommen haben. In Deutschland ist das anders. Ohne berechtigten Grund wird hier niemand in U-Haft gebracht. Möchtest Du eingesperrt werden, ohne genau zu wissen, warum eigentlich? Ich nicht und deshalb ist es für mich ein Skandal!

    • Karin Jennrich

      Ich kann ihnen nur wuenschen, dass ihnen in China nie das Gleiche passiert wie Nils. Unschuldig ins Staatsgefaengnis Nr.1 zu kommen ist der schlimmste Alptraum. Auch ich habe von einem Vorzeigegefaengnis in Peking gehoert, allerdings gibt es dort keine Insassen, eben nur zum vorzeigen fuer Botschaften etc. Alle ausländischen Untersuchungshaeftlinge kommen ins Staatsgefaengnis Nr.1, welches eigentlich fuer Schwerverbrecher ist. Glauben sie wirklich, dass die Bundesregierung sich fuer eine Verbesserung der Haftbedingungen eingesetzt haette, wenn diese nicht menschenunwuerdig waeren? Vielleicht sollten sie sich doch ein wenig ueber diesen Fall informieren.

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