Radtour durch die Camargue: Sumpf, Stierherden und ein Südbalkon für alle

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Salzpfannen, weiße Pferde, römische Ruinen und eine Radroute, die sich teilt: Das Rhône-Delta bietet auf einer einzigen Etappe ungewöhnliche Kontraste. Für Reisende auf der ViaRhôna bedeutet das Entscheidungen, Naturbegegnungen — und die überraschende Erkenntnis, dass Arles flächenmäßig zur «größten Stadt Frankreichs» gehört.

Die Gruppe schiebt die Räder eine steile Rampe hinauf. Unten am Fluss folgt die ViaRhôna einem stillgelegten Bahndamm am Ufer der Rhône; oben liegt das Höhlenkloster Saint-Romain. In jahrtausendealtem Kalkstein haben Mönche Schlaf- und Wohnräume sowie Grabkammern ausgehauen. Von dort reicht der Ausblick über die Provence bis zum Mont Ventoux — ein Landmarke für Rennradfahrer und Tour-de-France-Fans.

Die ViaRhôna ist nicht linear: Bei Beaucaire teilt sich der Weg. Radler, die dem Hauptarm folgen, erreichen nach rund 71 Kilometern den Hafen von Port-Saint-Louis-du-Rhône. Eine Alternative führt westlich über die Petit Rhône bis nach Sète — etwa 124 Kilometer. Wer möglichst viel von der Camargue sehen möchte, kann beide Abschnitte kombinieren, rät Radguide Arne Teschner von «Rêve de Vélo».

1. Arles: Antike, Moderne und ein anderer Stierkampf

Nur 17 Kilometer flussabwärts von Beaucaire liegt Arles, einst ein wichtiges Handelszentrum der Römer. Arne Teschner erläutert einen oft übersehenen Fakt: Die Stadt sei flächenmäßig groß, «weil ihr die Camargue zugerechnet wird». Der historische Kern wirkt dagegen klein und verwinkelt.

Das römische Amphitheater von Arles mit moderner Luma-Fassade im Hintergrund
Arles vereint römische Ruinen und moderne Architektur wie den Luma-Turm.

Gegenüberstehen dort zwei starke Kontraste: der moderne Kulturturm Luma mit seiner Edelstahlfassade und das römische Amphitheater, das in seiner Größe annähernd die Hälfte des Kolosseums ausmacht. Beide Orte beleben das Stadtbild und ziehen Besucher an.

In Arles findet ein südfranzösischer Stierkampf statt, die Course Camarguaise. Weiß gekleidete Raseteure stellen sich einem schwarzen Stier, versuchen ihm kleine Anhängsel von den Hörnern zu reißen — in der Regel ohne Blutvergießen. Die Rinder, typische Vertreter der Rasse Camargue, kehren anschließend zu ihren Weiden zurück; ihre Hüter sind die gardians, die regionalen Reiter.

2. Marais du Vigueirat: Sumpf, Vogelreichtum, Pferde

Nach knapp 20 Kilometern verlässt die ViaRhôna den schiffbaren Kanal und führt zum Naturschutzgebiet Les Marais du Vigueirat. Fahrräder bleiben an der Kante; auf Holzstegen und Beobachtungswegen erlebt man hier das dichte Schilf und eine intensive Vogelwelt.

Holzsteg durch Schilf im Marais du Vigueirat mit Beobachtungspunkt für Vögel
Im Marais du Vigueirat führen Holzstege zu Vogelbeobachtungsplätzen.

Cyril Gombert, Leiter des Schutzgebiets, bezeichnet das Areal als «ein Hotspot für Tier- und Pflanzenarten». Auf etwa zwölf Quadratkilometern brüten und rasten demnach mehr als 300 Vogelarten.

Die heutige Gestalt der Sümpfe ist auch ein Ergebnis menschlicher Eingriffe: «Mit Hilfe der Kanäle auf beiden Seiten des Feuchtgebiets erzeugen wir im Herbst künstlich Überschwemmungen – genau wie vor dem Deichbau», sagt Gombert. Bodennutzung seit Jahrtausenden — Reisfelder, Weiden, Salinen — hat die Lebensräume hervorgebracht, die heute geschützt werden.

An den Übergängen von Wasser zu Salzwiesen weiden die berühmten weißen Camargue-Pferde. Sie haben breite Hufe, können beim Fressen Nüstern schließen und sind gut an Hitze und Insekten angepasst. Für Ausritte stehen sie Touristen zur Verfügung — die Reiter dürfen allerdings nicht schwerer als 95 Kilo sein.

3. Aigues-Mortes: Stadtmauer, Salinen und Flamingos

Querungen durch die Camargue sind oft nur auf Dämmen möglich; viele Abschnitte sind unbefestigt und vom Wind mit Sand bedeckt. Sophie Bellin, Koordinatorin des südlichen ViaRhôna-Abschnitts, warnt: «Dieser Abschnitt ist unbefestigt, oft durch den Wind mit Sand bedeckt und verfügt über keinerlei Infrastruktur.» Wer die westliche Route nehmen will, sollte entsprechende Ausrüstung oder öffentliche Verkehrsmittel einplanen.

Ab Fourques liegen in Richtung Westen etwa 45 Kilometer Feuchtgebiete vor Aigues-Mortes, dem historischen «Tor zur Camargue». Der Ortsname bedeutet wörtlich «totes Wasser» und verweist auf die stillen Lagunen und Sümpfe der Umgebung.

Die Stadtmauer von Aigues-Mortes ist ein markantes Zeugnis: rund 1,6 Kilometer lang, fast 800 Jahre alt und weitgehend erhalten. Vom Wehrgang blicken Besucher auf enge Gassen und die knalligen Salzhügel der umliegenden Salinen. In diesen Becken lässt sich auch das charakteristische Rosa der Flamingos beobachten — Jungvögel beginnen grau oder weiß; die Farbe entsteht erst durch die Nahrung, in der der Farbstoff steckt.

4. La Grande Motte: Pyramiden, Strand und Nachkriegsvision

Im Gegensatz zum mittelalterlichen Aigues-Mortes entstand La Grande Motte in den 1960er-Jahren als geplantes Seebad. Auftraggeber war Präsident Charles de Gaulle mit dem Ziel, die Petit Camargue touristisch zu erschließen. Architekt Jean Balladur ließ sich bei den terrassenförmigen Wohnanlagen von den Pyramiden der Maya inspirieren.

Die Wohnblöcke erinnern in ihrer Staffelung an Dünen und Wellen, alle Balkone sind zur Lagune oder zum Meer orientiert. Stadtführerin Daniele Christol fasst einen früheren Vorwurf zusammen: «Exklusivität gibt es nicht.» Heute gilt La Grande Motte als ein prägnantes Beispiel der französischen Moderne und zieht im Sommer viele Besucher an. Auch Radfahrer fahren gerne hierher: Die ViaRhôna führt direkt vorbei.

Praktische Hinweise

Die Camargue bezeichnet die Region um das Rhône-Delta in Südfrankreich. Für Rad- und Naturtouren sind Frühling und Herbst am empfehlenswertesten.

Anreise: Per ICE/TGV nach Paris, dann TGV nach Avignon und Weiterfahrt mit Regionalzügen bis Beaucaire. Der Fahrradtransport im TGV muss bei Ticketkauf reserviert werden (bahn.de; sncf-connect.com).

Zur Route: Die ViaRhôna (auch Euro-Véloroute 17) verläuft über rund 815 Kilometer vom Genfer See bis ans Mittelmeer (viarhona.com). Wer den westlichen Arm erleben, aber nicht zurückradeln möchte, kann den Bus 703 nutzen; die Fahrradmitnahme sollte möglichst 36 Stunden vorher angemeldet werden (Tel.: 0033 4 42 55 83 19). Als Alternative verkehrt die kostenlose Rhône-Fähre «Barcarin» nach Salin-de-Giraud; von dort bringt der Envia-Bus «Agglo 10» Reisende nach Arles ohne Voranmeldung.

Reservat Marais du Vigueirat: Eintritt regulär 6 Euro, mit Guide 18 Euro; Reitausflüge ab 28 Euro (marais-vigueirat.reserves-naturelles.org). Weitere Informationen zur Region: www.destination-camargue.fr.

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