
Die Autoren empfehlen die Beschäftigung mit unserer evolutionären Sexualgeschichte. In jedem von uns steckt ein bisschen Gorilla, ein bisschen Schimpanse und ein bisschen Bonobo. Wenn wir verstehen, wie unser Gehirn von verschiedenen Fortpflanzungsstrategien geprägt wurde, dann sind wir entspannter und souveräner im Umgang mit dem Partner und uns selbst.
Das Buch beginnt mit einer Evolutionsgeschichte der Fortpflanzung. Anschaulich und kurzweilig erklären uns die drei Autoren die Evolutionsgeschichte der Sexualität und beantworten dabei Fragen wie: Warum vermehren sich Blattläuse jungfräulich, Elefanten aber nicht? Wäre unser Leben ohne Sex nicht wesentlich angenehmer.
Es geht weiter mit all den verschiedenen Dingen, die potentielle Sexualpartner attraktiv machen, dann durch die Soziobiologie – Balzarena und Harem – weiter bis zu solchen Themen wie dem Betrag der Sexualität an der Entstehung der Musik. Besonders interessant ist der letzte Teil, in dem zuerst die sexuellen Gepflogenheiten der Primaten betrachtet werden, um daraus Schlüsse über die menschliche Entwicklungsgeschichte zu ziehen. Die drei Autoren stellen Überlegungen zur Rolle der Sexualität in der Geschichte an und zeigen, wie wir mit dem Wissen um unser evolutionäres Erbe unsere Sexualität befriedigender gestalten können. Die Ideen, wie Wissen um unsere Evolution zur Verbesserung der Gesellschaft und zur Überwindung des Patriarchats genutzt werden kann, sind leider nur kurz dargestellt.
Kernpunkt der Ideen für Verbesserung der Gesellschaft ist für Steffen Münzberg das sexuelle Matriarchat. Eine gleichberechtigte Gesellschaft ohne Patriachat kann nur erreicht werden, wenn alle Verfügungsmacht über die Sexualität bei den Frauen liegt. Dazu muss die Gesellschaft so geformt sein, dass das Bestreben von Männern, Verfügbarkeit über Frauen zu besitzen, keinen Erfolg haben darf.
Besitz und Macht wird abgeschafft
Der Besitz von Frauen als Möglichkeit zum Zugang von Sex ist eine evolutionär funktionierende, für Frauen aber unangenehme Lösung. „In vorlandwirtschaftlichen Verhältnissen“, so erklärt Münzberg, „hatte der Häuptling begrenzte Macht. Als Handwerk und Landwirtschaft aufkamen, änderte sich das radikal. Mit dem Besitz gab es ganz neue Machtmittel und es begann das Patriarchat.“
Für Münzberg gibt es zwei Lösungsmöglichkeiten zur Überwindung des Patriarchats: erstens: Besitz und Macht wird abgeschafft. Dann gibt keine Mittel mehr, mit denen Männer den Frauen ihren Willen aufzwingen können. Die Abschaffung von Besitz hätte derzeit schwerwiegende wirtschaftliche Folgen, kommt also noch nicht in Frage.
Die zweite Variante zur Überwindung des Patriarchats orientiert sich an den Bonobos. Interessanterweise haben Schimpansen und Bonobos, obwohl sie genetisch sehr eng miteinander verwandt sind und auch in sehr ähnlichen Lebensräumen leben, sehr verschiedene Sozialstrukturen und verschiedene sexuelle Gepflogenheiten. Bei Schimpansen herrscht brutales Patriarchat, die Bonobos leben in bedeutend friedlicherem Matriarchat. Was hat diesen Unterschied verursacht? Es ist der Umgang mit der Sexualität. Weibchen haben durch Schwangerschaft und Kinderpflege viel größeren Aufwand bei der Vermehrung. Weil Weibchen nur eine eng begrenzte Zahl an Nachkommen haben können, sind sie der knappere, der begehrtere Sexualpartner. Sie sind das umworbene Geschlecht. Männer müssen sich viel Mühe geben, von Frauen erwählt zu werden. Bei einigen Arten haben die Weibchen die Männchen gegeneinander kämpfen lassen und den Größten und Stärksten gewählt. Irgendwann waren diese Männchen dann so stark und groß, dass sie den Weibchen ihren Willen aufzwingen konnten. So ist dies bei den Gorillas geschehen und auch bei den Schimpansen. Bei den Schimpansen schafft das allerdings nicht ein Schimpanse allein, sondern die Clique aus Brüdern und Neffen, die in einer Gruppe zusammen leben.
Buchautoren Steffen Münzberg und Susanne Thiele. (Foto: Haase)
Beim Kampf der Männer untereinander und bei der Unterdrückung der Weibchen geht es immer um den Zugang zum knappen Gut Sex.
Wenn sich in einer Schimpansengruppe ein neues Männchen an die Spitze gekämpft hat, bringt es erst einmal alle Neugeborenen um, um die Weibchen schnell wieder in den fruchtbaren Status zu bekommen. Schlaue Schimpansenweibchen paaren sich zur Sicherheit schon mal mit möglichen Nachfolgern des Alphamännchens, um den Mord an ihrem Kind im Falle eines Machtwechsels zu verhindern. Die Bonoboweibchen haben diese Methode, Männchen weniger mörderisch zu machen weiterentwickelt und haben mit viel Sex die Männchen entmachtet. Die Weibchen haben mit allen Männchen Sex. Dadurch brauchen die Männchen nicht mehr gegeneinander kämpfen und dabei ihre Gesundheit gefährden. Wenn die Männchen ausreichend Futter und Sex haben sind sie friedfertige Zeitgenossen. In den Bonobogruppen haben die Weibchen das Sagen, weil alle Männchen sexuell befriedigt sind. Die Bonoboweibchen betreiben trotzdem noch Sexualauswahl, das heißt, sie entscheiden immer noch, wer der Vater ihrer Kinder wird. Die einen kommen an den fruchtbaren Tagen dran, die anderen an den anderen. Bei den Bonobos ist die Fruchtbarkeit – wie bei den Menschen – für die anderen nicht erkennbar
Eine gewaltlose, für Frauen angenehme Gesellschaft lässt sich seiner Meinung nach nur erreichen, wenn Frauen mit dem sehr knappen Gut Sex relativ freizügig umgehen, so dass es sich für Männer nicht mehr lohnt , brutal sein. Seine Idealgesellschaft existiert bei den Bonobos: Sex ist frei zugänglich: Alle Männer haben mehr oder minder Sex, es lohnt sich nicht mehr, die Gesundheit dafür zu riskieren, oder sich benachteiligt zu fühlen. Die Frauen haben aber geheime Mittel, trotzdem an ihren fruchtbaren Tagen Sex mit dem Lieblingsmann zu haben. Die weiblichen Bonobos tragen die Entscheidungsgewalt. Damit wird alles friedlicher.
Dieses Modell würde Münzberg auch gerne auf die menschliche Gesellschaft übertragen: Frauen hätten dann die völlig Freiheit über ihre Sexualität, denn ihnen wird überlassen, wann sie wo und mit wie vielen Männern schlafen. Dadurch ist es für Männer nicht mehr attraktiv, sich mit Gewalt Frauen zu erkämpfen oder mit viel Aufwand zu erkaufen, sondern sich mit anderen Mitteln attraktiv zu machen, zum Beispiel als guter Sportler, als guter Künstler, Erfinder, Unternehmer und als braver Papa. Frauen müssen dazu so selbständig, unabhängig und abgesichert sein, dass sie zu keiner Zeit auf Männer angewiesen sind. Nur so behalten sie ihre Wahlfreiheit.
„Wir müssen von einer Gesellschaft, wo Sex durch Brutalität ermöglicht wird, zu einer Gesellschaft kommen, wo Männer mit dem kreativen Pfauenschwanz wedeln müssen, statt mit Besitz und Gewalt an Sex zu kommen“, sagt Steffen Münzberg.
Sex macht Spaß, aber viel Mühe
Eine Entdeckungsreise zur schönsten Sache der Welt
Autoren: Steffen Münzberg, Susanne Thiele, Vladimir Kochergin
ca. 256 Seiten; Orell Füssli Verlag
ISBN 978-3-280-05557-1
€ [D] 14,95

