Irgendwie hat man das schon die ganze Zeit gewusst. Wer auf einem Rundkurs ständig nur bergab läuft, muss das irgendwann büßen. Jetzt ist es also soweit. Es geht bergauf – und wie. Auf kurzer Wegstrecke scheinen unendlich viele Höhenmeter zu überwinden zu sein. Will man dem Wegweiser glauben, dann sind es nur noch 800 Meter. Dass sie ziemlich anstrengend sie sein werden, stand allerdings nicht auf dem Schild. Irgendwie schafft man es aber doch. Jetzt noch ein kleiner Schwenk nach rechts und das Zwischenziel ist erreicht.
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Die Mühe und der Schweiß haben sich in jedem Fall gelohnt
Erster Eindruck: Die Mühe und der Schweiß haben sich in jedem Fall gelohnt. Die bequeme Bank am Wegesrand kommt gerade recht. Erst einmal Durchschnaufen, den Rucksack ablegen und einen Schluck Wasser aus der Pulle nehmen. Vor dem Auge des erschöpften Wanderers liegt der Buhlbachsee – mitten im Nationalpark Schwarzwald östlich des Schliffkopf-Höhenzugs auf der Gemarkung Baiersbronn. Ein Gewässer in unberührter Natur, das eine unbeschreibliche Ruhe ausstrahlt. Ein Überbleibsel der letzten Eiszeit. Man sieht ein paar sich tummelnde kleine Entchen und andere Wasservögel. Auf der im See schwimmenden Verlandungsinsel wachsen Moorbirken. Die See per pedes zu umrunden, das liegt eigentlich auf der Hand. Geht aber nicht. Eine Linde liegt quer über dem Forstweg und wird dort wohl auch nicht wieder entfernt. Also bleibt nichts anderes übrig, als die Pause zu verlängern und den Augenblick noch ein wenig zu genießen.
Der Natur das Ruder zu überlassen, dieses Konzept wird im Nationalpark Schwarzwald, der 2014 gegründet wurde, konsequent verfolgt. Auf rund 10 000 Hektar Fläche zwischen Baden-Baden und Freudenstadt darf der Wald also ganz bewusst wieder eine Spur wilder werden. Vom seltenen Dreizehenspecht bis zum weniger geliebten Borkenkäfer – hier ist Platz für alle. Der Wanderfalke – der schnellste Vogel der Welt – ist hier ebenso zuhause wie die kleinste Eule Europas, der Sperlingskauz. Bäume, die in bewirtschafteten Wäldern oft nur ein Drittel ihres natürlichen Alters erreichen, dürfen hier mehrere hundert Jahre alt werden. Und auf scheinbar totem Holz sprießt oft neues Leben.
Wir treffen vielleicht noch eine Handvoll anderer Wanderer
Hat jemand was von Erschöpfung gesagt? Frisch gestärkt geht es weiter auf einer Runde, die ihrem Namen „In himmlischer Ruhe“ in jeder Hinsicht gerecht zu werden scheint. Auf einer Strecke von gut sieben Kilometern trifft man an diesem strahlenden Sommermorgen vielleicht noch eine Handvoll anderer Wanderer, aber im Wesentlichen ist man mit sich und der idylli-schen Umgebung alleine. Es bleibt abwechslungsreich. Es geht durch den Wald, über steinige Pfade, an Bächen entlang. Runter und wieder rauf. Zu den rauen Schönheiten des Nationalparks Schwarzwald gehören auch die waldfreien Bergheiden, die in der Region als „Grinden“ bekannt sind.
Latschenkiefern, Beerensträucher, Heidekraut oder Pfeifengras prägen diese Flächen, die an Landschaften in Skandinavien erinnern. Wer Glück hat, kann hier nicht nur zahlreiche Schmetterlinge, sondern auch mal ein Auerhuhn oder andere Tierarten entdecken. Ihre Entstehung haben die Grinden größtenteils menschlichem Handeln zu verdanken. Schon im 14. Jahr-hundert wurden die Hochlagen gerodet und danach von Bauern aus den umliegenden Tälern vor allem mit Hinterwälder Rinder und Ziegen beweidet. Durch das Zusammenspiel mit hohen Nie-derschlägen und dem Buntsandstein als geologischem Untergrund ist letztlich diese faszinierende und ökologische wertvolle Landschaft entstanden. Seit 25 Jahren weiden hier auch wieder Rinder und Schafe auf den Heiden.
Wieder gilt es, Höhe zu gewinnen. Der Blick geht aber auch nach unten. Auf schmalen Pfaden ist man nämlich gut beraten, auf den eigenen Tritt zu achten – und natürlich sein Schritttempo so zu wählen, dass man nicht allzu sehr außer Puste kommt. Dann ist es geschafft. Die Bushaltestelle am Parkplatz Zuflucht und damit der Ausgangpunkt der Tour ist erreicht. Zeit für eine Mittagspause. Selten hat ein Lunchpaket so gut geschmeckt. Der Wandertag ist aber noch lange nicht zu Ende. Nur ein paar Kilometer entfernt wartet eine eher gemütliche Runde um den 1054 Meter hoch gelegen Schliffkopf. Eine Tour, die mit grandiosen Aussichten besticht. Und tat-sächlich: Das Wetter spielt mit und man kann an manchen Punkten übers Badener Tal bis zum Kaiserstuhl und sogar nach Straßburg schauen.
Holzbalken aus vergangener Zeit könnten eine eigene Geschichte erzählen
Jetzt sind die Beine müde und der Magen knurrt. Ab ins Auto und 20 Minuten später kann der Ausklang des Tages in gemütlichem Ambiente beginnen. Das Gutshotel Waldknechtshof in Baiersbronn-Klosterreichenbach ist in jedem Fall eine gute Adresse. Ursprünglich war der Waldknechtshof das Gutshofgebäude des Ochsenguts, einer Meierei des ehemaligen Benediktinerklosters in Klosterreichenbach. Er stand zunächst näher am Kloster und wurde 1769 an heu-tiger Stelle neu erbaut.
Den Umbau des prächtigen Gutshofs zu einem Vier-Sterne Boutique-Hotels mit modernen Ansprüchen an Hotellerie und Gastronomie mit regional-kreativer Küchen haben die Geschwister Christine und Gernot Marquart vor 25 Jahren in Angriff genommen. Mit Erfolg. Heute zählt es darüber hinaus zu den Top-Tagungshotels in ganz Deutschland. In einem der liebevoll gestalteten Zimmer direkt unter dem typisch Schwarzwälder Satteldach zu übernachten, heißt aber auch vom Bett aus die massiven Holzbalken aus vergangener Zeit im Blick zu haben, von denen vermutlich jeder eine eigene Geschichte erzählen könnte.
Natürlich hat auch der Waldknechtshof im Sommer 2020 ein strenges Hygienekonzept entwi-ckelt, um den notwendigen Anforderungen im Corona-Jahr gerecht zu werden. Zum Beispiel herrscht auf dem Weg in den Frühstücksraum oder ins Restaurant ein Einbahnstraßenverkehr, um die gebotenen Abstandsregeln einhalten zu können. Der Gemütlichkeit und dem stilvollen Genuss des Abendessens tut das keinen Abbruch. Das Zanderfilet schmeckt gut, der badische Riesling auch. Und am nächsten Morgen ist es nicht anders.
Wie anderswo auch, muss man auf das Frühstücksbüffet derzeit noch verzichten. An Auswahl mangelt es trotzdem nicht und alles was der Magen begehrt, wird von Richard Landgraf an den Tisch gebracht. Er steht kurz vor Abschluss seiner Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann und muss sein Lächeln hinter einer Mund-Nasen-Maske verstecken. Für ein nettes Gespräch, in dem es auch über die Sorgen und Nöten der Hotel- und Restaurantbetriebe in diesen schweren Wochen und Monaten geht, nimmt er sich viel Zeit – natürlich immer mit Sicherheitsabstand.
Jetzt aber geht es um die Frage, welche Erlebnisse der heutige Wandertag im Nationalpark Schwarzwald wohl bringen wird. Vorgenommen hat man sich viel: Den rund 15 Kilometer lan-gen „Tonbachsteig“, der laut Beschreibung unterwegs sogar eine „Himmelsliege“ zu bieten hat. Allerdings sich knapp 500 Höhenmeter zu bewältigen. Ein Grund mehr, sich beim Frühstück im Waldknechtshof ausreichend zu stärken. Packen wir’s an.
Anreise:
Die Nationalparkregion Schwarzwald liegt direkt an der Schwarwaldhochstraße (B 500). Von der A5 kommend Ausfahrt Richtung Achern/Strasbourg-Nord/Rheinau. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Beispiel von Karlsruhe Hbf aus mit dem Regionalexpress Richtung Freudenstadt Hbf nach Baiersbronn. Das Nationalparkzentrum am Ruhestein ist sowohl mit Bus als auch mit Auto gut zu erreichen. Adresse: Nationalparkregion Schwarzwald e. V., Rosenplatz 3, 72270 Baiersbronn
Weitere Infos:
www.nationalpark-schwarzwald.de
www.tourismus-bw.de
www.schwarzwald-tourismus.info
Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.














