Der Morgentau liegt auf den Ästen und Blättern um mich herum. Langsam schiebt sich die Sonne durch die Baumspitzen und die Perlen fangen an von den Blättern in den See zu tropfen. Über der Wasseroberfläche liegt der morgendliche Nebel, der sich in der gespenstischen Ruhe auf dem Wasser niederlegt und schlussendlich mit der Sonne vom See verschwindet. Einzig und alleine die Entenfamilie vor mir, verursacht kleine Bewegungen und Geräusche auf dem Wasser. Noch einmal tief Luft holen, die Stille genießen und dann sollte mein nächstes Abenteuer quer durch Québec beginnen.
Auf der „Route des Explorateurs“, übersetzt die Route der Entdecker, bewege ich mich in den nächsten sieben Tagen durch vier Regionen der Provinz Québec: Montreal, Outaouais, Abitibi-Témiscamingue sowie Laurentides. Alle zeigen mir die wilde und unberührte Natur des Westens von Québec. Der unbekannte Teil der Provinz ist geprägt von seinen Ureinwohnern, wilden Tieren und seenreichen Wäldern an der Grenze zu Ontario.
Inhaltsverzeichnis
Der perfekte Start mit einem „Sugar Schack“
Die Québecer lieben es süß und traditionell. Nur circa eine halbe Stunde nördlich von Montreal besuche ich die traditionelle, aber doch sehr junge Apfelplantage am Rande der Metropole. Dabei schleiche ich an den ersten Apfelbäumen vorbei und entdecke die kleine „Labonté de la pomme“ von Marc-Andre und seiner Frau Nathalie. Die beiden haben vor wenigen Jahren ihr vorheriges Leben hinter sich gelassen, die ersparten Mittel zusammengekratzt und sich den Traum der eigenen, kleinen Apfelplantage in der Heimat erfüllt.
In Ihren Stimmen höre ich die Begeisterung und Leidenschaft, die Sie mit der Plantage und den Bäumen verbinden – voller Stolz bekommen wir während unseres Essens eine ausgiebige Schulung über Gattungen, Geschmack und der Zubereitung unterschiedlicher Apfelsorten. Was ich bereits auf meiner ersten Reise durch Québec gelernt habe: Québec bedeutet reichliches und spektakuläres Essen. Es wird probiert, experimentiert und serviert , denn Essen bedeutet den Menschen in Québec: Leidenschaft, Lebensqualität und bringt sie zu jeder Jahreszeit zusammen. So entstehen wahrscheinlich Gerichte wie Honigwaffeln mit Bacon, Käse, Schinken und dem eigenen, angebauten Apfel. Wer, wie ich, bisher gedacht hat, süßes und herzhaftes lässt sich nicht kombinieren, hat sich mächtig getäuscht.
Der Natur entgegen
Wohl genährt und voller Neugier zieht es mich weiter gen Westen an den „Lac Morency“ mit seiner malerischen „Auberge du Lac“ inmitten der Natur. Zu meiner Rechten stehe ich vor dem urigen, hölzernen Gasthof mit seinem roten Dach, wie aus einem alten Kinofilm. Zu meiner Linken liegt friedliche der See, an dessen Ufer Stars wie Halle-Berry in der Vielfalt und Freiheit der Natur dem Alltagsstress entkommen. Kaum angekommen, entdeckt mich der Ranger Phil, der bereits mit seinem Vater durch die Wälder von Québec wanderte. Ein echter Québecer mit seinem roten Holzfällerhemd, zerzausten Haar, die zerrissene Jeans und eine schiefe Mütze auf dem Kopf. Er scheint sich über neue Gesichter zu freuen, winkt mich heran und schaut erwartungsvoll auf die Lichtung an der anderen Seite des Sees. Kurzerhand sitzen wir in seinem alten Jeep und werden mächtig auf der Strecke bis zur Lichtung durchgerüttelt. Währenddessen schwärmt er mit Stolz von seiner Heimat, dem guten Essen und der aufkommenden Mikrobrauerei-Szene unter jungen Leuten, quer durch die Provinz.
Auf der Lichtung stehend, schaut er mich an und fragt mich ein wenig verlegen, ob ich wirklich mitkommen wollte – selbstverständlich wollte ich das. Es ist wohl das Naturell der Québecer, sie möchten Ihr Land zeigen und vergessen in der Euphorie auf eine charmante Art und Weise Zeit und Raum. So auch hier; kaum erblickte er neue Gesichter, möchte er seine Begeisterung teilen. Die „Auberge du Lac“ bietet einen wundervollen Platz in der Natur mit Entspannung am hauseigenen Strand, sportlichen Aktivitäten, wie eine Fahrt mit Schlittenhunden ( im Winter), Tennisplätzen, Wanderungen, Kajakfahrten, Jeepsafaris durch den Wald und viele weitere.
Nationalparks in Québec
Wer ausgetretenen Wanderwegen folgen möchte ist in Québec falsch, dieser Teil der Provinz bietet nicht nur eine sehr geringe Population, sondern lässt mich beim Wandern den eigenen Atem hören. Ein echter Geheimtipp für Naturliebhaber und Outdoorfans. So möchte ich heute den Mont-Tremblant Nationalpark näher kennenlernen, bevor ich an späteren Tagen in den Aiguebelle Nationalpark eintauche. Auch, wenn der Nationalpark Mont-Tremblant mit seinen 400 Seen meine Leidenschaft zum Kanufahren entfacht, werden die Füße leider trocken bleiben. Der strahlende Himmel verspricht mir erneut einen fabelhaften Überblick über die Vielfalt des Parks und bietet eine perfekte Gelegenheit mich von der Tiervielfalt der Wälder Québec zu überzeugen. Dabei schnüre ich die Schuhe fest zu und Starte meine Wanderung zum Gipfel des „La Roche“ . Hierbei folge ich dem 4,8km langen Wanderweg durch den Wald hoch auf den Berg, wo mich eine wunderschöne Aussicht mit einem strahlenden Himmel voller Kontraste erwartet.
Im Wasserflugzeug durch das Land
Ich verlasse die endlosen Landstraßen und möchte Québec endlich wieder aus der Luft sehen. Das geht wohl kaum besser, als in einem 50 Jahre altem Wasserflugzeug. Vor dem Flieger begrüßt mich unser Pilot mit einer umfangreichen Einweisung in seine persönliche Geschichte und der Historie des Wasserflugzeugs in Québec. Wie auch an der „Labonté de la pomme“ von Marc-Andre und seiner Frau Nathalie, berichtet er mit seiner begeisterten Stimme über seine Definition von Glück, Leben und der Verbindung zum Job. Beim Einsteigen drückt er mir die gelben Ohrenschützer in die Hand und freut sich sichtlich darüber, dass wir heute in ein „echtes Flugzeug“ steigen werden.
Dabei spiegelt sich Nostalgie vor meinen strahlenden Augen in dem mehr als ein halbes Jahrhundert alten Flieger wieder. Eine Tür zum Piloten – Fehlanzeige. Wasserflugzeuge dienen in Québec sowohl als Passagier, wie auch als Gütertransportmittel, um die abgelegenen Siedlungen in jeder Jahreszeit zu versorgen. Währenddessen schnappe ich mir einen Platz am Fenster, schnalle mich an und wir fahren langsam auf die andere Seite des Sees, um die lange Startbahn quer über den See zu nutzen. Ein ohrenbetäubender Lärm ertönt, als der Hebel langsam heruntergedrückt wird und die Kufen des Flugzeuges die Wasseroberfläche verlassen. Nach dem Start bekomme ich ein vollkommen neues Gefühl vom Fliegen und blende die Lautstärke teilweise vollständig aus.
Circa eine Million Seen und Flüsse zählt Québec über die gesamte Provinz verteilt. Deutlich wird mir dieses erst beim Blick aus dem Fenster in der schwindelerregenden Höhe. Aus dieser Perspektive, wirken die Seen schon fast dicht aneinander gedrängt, einer nach dem anderen prägt die Vegetation zu einem einzigartigem Anblick. Immer wieder fallen mir dabei die kleinen Häuser und Lodges am Rande der Seen mit Ihren roten Dächern ins Augen. Doch eine Häuserreihe entlang der Uferspitze fallen mir besonders auf: Es sind die Dächer der Rabaska Lodge! Dabei dreht John noch einige Runden über den einzelnen Lodges, ehe wir den Landeanflug ansetzen und am Ufer wieder festen Boden unter den Füßen genießen.
Kanada aus seinen Erzählungen
Hinter den Bäumen verschwindet langsam die Sonne und der Himmel färbt sich zu einem roten Teppich, Dominique und Martin kommen uns aufgeregt am Steg des Flugzeuges entgegengelaufen. Kurz darauf haben die beiden uns schon in ihrem Schlepptau, laden uns in ein kleines Fischerboot und möchten uns den fabelhaften Sonnenuntergang vor der Rabaska-Lodge zeigen. Mit dabei ist ein hausgemachtes Bier aus der regionalen Mikrobrauerei. In den nächsten Stunden verspüre ich ein fast kitschiges Gefühl – der malerische Sonnenuntergang auf dem Boot und ein reichliches Abendbrot mit Livemusik am Kamin der Holzblockhütte prägen sich in mir ein. Kaum zu glauben, dass ich fernab von jeglicher Zivilisation, an diesem Ort zwischen Seen und Wäldern, die Chance habe den Tag auf diese Art und Weise ausklingen zu lassen.
Von Felswand zu Felswand
Der nächster Nationalpark lässt mein Herz nicht nur durch die Brücke in schwindelerregender Höhe zwischen den Felsen höher schlagen, auch seine Aufgabe erfüllt mich mit Demut. Der „Nationalpark Aiguebelle“ ist einer von 24 Parks in Québec, er schützt und repräsentiert die „Abitibis“ und ,,Abijévis-Hügel” . Vor circa 2,7 Milliarde Jahren trennte sich der Felsen auf, spaltete den Park in zwei Hälften und lies einen See zwischen sich füllen. Die Brücke wurde an der Stelle der tektonischen Bruchstelle erbaut und verbindet die zahlreichen Wanderwege zu der Spitze der Abijévis-Berge. Mehrere Wanderwege führen entlang der schwindelerregenden Felswände zu der Hängebrücke, bis zu seinem großen Feuerwachturm auf der Bergspitze.
Die Welt der Abiti
Nachdem ich mich durch den Nationalpark gekämpft habe und einen Vorgeschmack des Abititi-Volkes bekommen habe, möchte ich mehr über Ihre Kultur und die heutigen Lebensweisen erfahren. Die „Kinawit“ Kulturstätte wurde durch staatliche Hilfen erbaut und bietet Familien und Interessierten mit Ihren Hütten und Tipis eine Möglichkeit, für einen oder mehrere Tage in die Welt der Ureinwohner einzutauchen. Dabei bietet sich mir am Ufer des Lemoine-Sees eine Gelegenheit mich mit der reichen Kultur der Ureinwohner vertraut zu machen. Workshops, wie das Bauen eines traditionellen Kanus oder Vorträge der Einwohner zeigen die traditionelle Vergangenheit und bis heute anhaltenden Bräuche und Rituale Ihres Volkes.
Den Tieren ganz Nah
Die nächste Station ist ein ganz besonderer Ort für die flauschigen Bewohner aus dem Tierreich von Québec. Die Wildstation „Pageau“ bietet verletzten Tieren einen Zufluchtsort, bevor Sie dann im besten Falle wieder ausgewildert werden können. Nicht jedes Tier schafft es nach der medizinischen Hilfe wieder selbstständig in der Natur zu überleben, oft sind Ihre Verletzungen durch Wildunfälle oder Jagdtourismus zu stark, als das Sie noch gegen natürliche Feinden durchsetzen oder selber Ihre Beute jagen können. Hier treffe ich Jenna, sie stammt aus Montreal und plante vor einigen Jahren nach Ihrem Industrie-Design-Studium, eine Auszeit von dem Großstadtleben zu nehmen, sich ehrenamtlich zu betätigen und in der Gesellschaft etwas zu verändern – bis heute ist sie dabei geblieben. Jenna erzählt uns davon, wie Babytiere zum Teil von Hand in privaten Haushalten aufgezogen oder rehabilitiert werden müssen und die Arbeit der Freiwilligen weit über das hinausgeht, was Aussenstehende sehen.
Die Seele baumeln lassen
Kaum zu glauben, dass meine Reise hier schon wieder enden soll. Doch bevor ich wieder in den Flieger steige, in den Alltag zurückkehre und meinem Job nachgehen soll, schnappe ich mir noch ein Kanu im Opémican Nationalpark und sortiere die Erfahrungen aus den erlebten Ereignisse der vergangenen Tage. Genau wie meine Reise begann, so beende ich Sie auch: am Wasser, umringt von Stille und einem spiegelglatten See inmitten der Natur.
Der Nationalpark wurde erst 2013 erschlossen und durch die lokalen Unternehmen mit Ihren Produkten und Ressourcen aufgebaut. Er schafft nicht nur Arbeitsplätze, sondern gibt Einheimischen die Möglichkeit Touren selbst zu führen und Ihre Freude an der Natur mit Besuchern zu teilen. Vergleiche ich den Park mit dem Mount-Blanc Nationalpark fällt mir seine Einsamkeit positiv auf. Hier finden im Durchschnitt 25.000 Menschen jährlich den Weg in seine Weiten , verglichen mit dem Mount-Blanc und seinen 500.000 Touristen ist es ein wirklicher Geheimtipp.
Geheimtipp – Das Wort der Woche
Québec – Provinz der vier Jahreszeiten – den Winter und den Sommer durfte ich von dir sehen. Die Jahreszeiten sind so ausgeprägt und vielseitig, wie sie nur noch selten vorzufinden sind. Vor einigen Monaten kämpfen wir uns in Schneeschuhen bei zwei Meter hohen Schneebergen auf die Gipfel hinauf oder fegten mit dem Ski-Dou durch die unweiten der Wälder. Doch der Sommer mit seinen Seen, saftigem Grüntönen und wunderschönen Lodges am Wasser definieren Stille der Wildnis und Einsamkeit neu. Kein Lärm, keine Touristenscharen und noch weniger Verkehr. Die „Route de Expleures“ macht es zu einem echten Insider. Dabei wurde meine Reise täglich von ihren Menschen geprägt, die mit viel Liebe diese Provinz zu einem ganz besonderen Ort machen. Wer Quebec einmal besuchen möchte, sollte sich nicht von Ihren Menschen und Geschichten fernhalten – im Gegenteil, die Menschen sind Québec.
Hinweis in eigener Sache: Die Reise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen. Wir legen sehr großen Wert auf eine unabhängige und neutrale Berichterstattung, daher sind die Meinungen, Eindrücke und Erfahrungen der jeweiligen Autoren ihre eigenen.












































