Sieben der bekanntesten Bars und Kneipen auf dem Hamburger Kiez

Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen

Der Hamburger Kiez lebt nicht nur von der Reeperbahn, sondern von den kleinen, rauen Kneipen und Bars in den Seitenstraßen. Diese Adressen erzählen Stadtgeschichte, ziehen Besucher an und bewahren einen Teil des einschlägigen Kiez-Mythos.

Zum Silbersack: Populäre Kultkneipe mit ungewöhnlichem Start

1950er-Jahre-Flair und eine Gründergeschichte wie aus einem Roman: Auf einem Trümmergrundstück in der Silbersackstraße eröffnete das Ehepaar Erna und Friedrich Thomsen nach dem Zweiten Weltkrieg die Kneipe, für deren Baumaterial sie Berichten zufolge Bretter von einem Förster bekamen – im Tausch gegen einen Eimer Honig und ein Fahrrad. Friedrich Thomsen starb 1958; Erna führte das Lokal bis 2012.

Gedämpftes Kneipeninterieur mit Holztheke und Hockern, 1950er-Anmutung
Interieur, das an die 1950er-Jahre erinnert: Holzbänke und Tresen im Stil der frühen Kiezkneipen.

Als Familie und Erben nicht weitermachen wollten, retteten Stammgäste, Anwohner und örtliche Geschäftsleute das Haus. Heute wird der Silbersack von einem ehemaligen Mitarbeiter geführt. Das Interieur ist inzwischen solide erneuert, die Fassade trägt die bekannten bunten Fliesen und mehrere Graffiti, unter anderem vom Hamburger Writer 4000.

Schon in den 1950er- und 60er-Jahren galt der Silbersack als Treffpunkt für Prominente; Namen wie Heinz Rühmann, Hans Albers, Freddy Quinn und Hildegard Knef fallen in diesem Zusammenhang. Auch internationale Gäste tauchten auf, etwa Philip Seymour Hoffman. Adresse: Silbersackstraße 9, 20359 Hamburg

Zur Ritze: Boxraum, rauer Humor und belastete Geschichten

Die seit 1974 bestehende Kneipe Zur Ritze ist berühmt für ihren provokanten Eingangsanstrich: links und rechts gemalte Frauenbeine in Strapsen, geschaffen vom Maler Erwin Ross. Aus heutiger Sicht wird diese Darstellung häufig als sexistisch kritisiert; historisch gehört sie jedoch zum rauen Kiezhumor jener Zeit.

Kleiner Boxraum mit Ring und Trainingsausrüstung im Keller
Der berüchtigte Boxraum in der Ritze: Trainingsring und nostalgische Atmosphäre.

Das eigentliche Markenzeichen liegt im Keller: ein aktiver Boxraum, in dem unter anderem Henry Maske, Dariusz Michalczewski und die Klitschko-Brüder trainierten. Auch Kiezgrößen und kriminelle Figuren nutzten den Raum.

Die Ritze ist zudem mit mehreren tragischen Vorfällen verbunden. 1981 wurde in den Räumen der Zuhälter Fritz „Chinesen-Fritz“ Schroer erschossen – ein Ereignis, das den Beginn mehrjähriger Auseinandersetzungen markierte. Im Dezember 2006 nahm sich der bekannte Lude Stefan Hentschel dort das Leben. Der heutige Betreiber ist Carsten Marek, ehemals Leiter einer bekannten Bande. Bis heute ranken sich zahlreiche Legenden um die Bar, zum Beispiel Anekdoten über die gemeinsamen Haftjahre mancher Stammtische. Adresse: Reeperbahn 140, 20359 Hamburg

Zum Goldenen Handschuh: Boxtradition und literarischer Nachklang

Die Bar wurde 1953 vom ehemaligen Boxer Herbert Nürnberg eröffnet; die namensgebenden Trophäen – goldene Handschuhe – waren damals Auszeichnung im Leichtgewicht. Tagsüber trifft man hier Stammgäste, abends mischt sich das Partypublikum dazu.

International bekannt wurde die Kneipe erneut durch Heinz Strunks Roman über den Serienmörder Fritz Honka, der zwischen 1970 und 1975 vier Frauen tötete. Honka lernte seine Opfer Berichten zufolge in dieser Bar kennen, was die dunkle Legendenbildung um den Handschuh verstärkte. Die Kneipe ist seit den 1960er-Jahren nahezu durchgehend geöffnet; eine kurze Schließzeit zur Reinigung gibt es täglich am Nachmittag. Adresse: Hamburger Berg 2, 20359 Hamburg

Elbschlosskeller: Familienbetrieb mit beständigem Publikum

Der Elbschlosskeller existiert seit 1952 und hat sich in drei Generationen als klassische Kiezkneipe gehalten. Heute führt Daniel Schmidt, der Enkel des Gründers, das Lokal und schrieb zudem ein Buch über die Bar und ihre Geschichten mit dem Titel „Elbschlosskeller. Kein Roman“.

Der Laden ist rund um die Uhr geöffnet und wird vorwiegend von Stammgästen frequentiert. Auch Fritz Honka tauchte hier regelmäßig auf, was seine Nähe zum Goldenen Handschuh erklärt. Für manche Beobachter gehört der Elbschlosskeller zu den «härteren» Kneipen Deutschlands; Schriftsteller Heinz Strunk beschrieb ihn einmal als den „Vorhof zur Hölle“. Adresse: Hamburger Berg 38, 20359 Hamburg

Hans-Albers-Klause: Historisches Ambiente, starke Filmverbindung

Die älteste Adresse in dieser Auswahl ist die Hans-Albers-Klause, geöffnet seit 1938 und benannt nach der Filmlegende Hans Albers. Albers’ Film „Große Freiheit Nr. 7“ und das daraus stammende Lied „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ sind eng mit dem Kiez verknüpft.

Innen hat sich die Kneipe ihren historischen Charakter bewahrt: Filmplakate, Zeitungsausschnitte aus der Zeit und ein alter Zigarettenautomat prägen das Ambiente. Eine Jukebox mit angeblich zehntausend Titeln ergänzt die Einrichtung. Der Eingang liegt ungewöhnlich in einem alten Luftschutzbunker. Adresse: Friedrichstraße 19, 20359 Hamburg

Onkel Otto: Punk, Boxen und Hafenstraße‑Geschichten

Das Onkel Otto besteht seit 1954 und hat ebenfalls eine Verbindung zur Boxszene: Betreiber waren zeitweise der Promoter Manfred Fischer und der spätere Box-Manager und Türsteher Charly Graf. In den 1980er-Jahren entwickelte sich die Kneipe zu einem Treffpunkt der Punk- und Hausbesetzerszene, insbesondere im Umfeld der Hafenstraße.

Fassade und Inneneinrichtung wirken dementsprechend rau und authentisch: Street Art, Tags und Sticker draußen, drinnen eine deutlich abgenutzte Atmosphäre. Musikalisch dominiert Punk. Adresse: Bernhard-Nocht-Straße 16, 20359 Hamburg

Die Taverne in der Schmuckstraße: Treffpunkt der trans Community

Die Schmuckstraße war in den 1970er-Jahren ein Zentrum für trans* Personen, und die dortige Taverne gilt bis heute als wichtiger Treffpunkt der Community. Das Haus beherbergt auch trans* Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter; diese bieten ihre Dienste Berichten zufolge weniger aufdringlich an als an anderen Kiezadressen.

Die Taverne wird als offen und inklusiv beschrieben – ein Ort, an dem Menschen aus verschiedenen Lebenswelten zusammenkommen. Adresse: Schmuckstraße 5, 20359 Hamburg

Diese Lokale stehen exemplarisch für das widersprüchliche Image des Kiezes: Teil Stadtgeschichte, Teil Mythenarchiv, stets ein Spiegel sozialer Realitäten. Wer den Reeperbahn-Mythos verstehen will, sollte abseits der Hauptstraße in diese Kneipen gehen.

Geben Sie Ihr Feedback

★★★★★

Seien Sie der Erste, der dieser Beitrag bewertet
oder hinterlassen Sie eine detaillierte Bewertung



breitengrad53.de ist ein unabhängiges Medium. Unterstützen Sie uns, indem Sie uns zu Ihren Google News Favoriten hinzufügen:

Kommentar posten

Kommentar veröffentlichen