100 Jahre Motel: Vor einem Jahrhundert öffnete in Kalifornien das erste seiner Art

Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen

Das erste Motel öffnete am 12. Dezember 1925 — seitdem hat das einfache Straßenrandquartier die amerikanische Reise‑ und Popkultur geprägt. Nach Jahrzehnten des Aufstiegs, Niedergangs und punktueller Wiederbelebungen erlebt das Konzept heute eine neue, oft luxuriösere Gestalt.

Literarisches Sinnbild einer Reiseform

Vladimir Nabokovs Roman Lolita rückt Motels in ein zwiespältiges Licht: In der zweiten Hälfte des Werks nächtigen die Figuren hauptsächlich in solchen Unterkünften, die der Erzähler als praktische, intime Etappen auf langen Autofahrten schildert. Nabokov, der selbst nicht fuhr und sich auf Erkundungsfahrten von seiner Frau chauffieren ließ, notierte die Bauformen, Namen und Betreiber dieser Häuser — von bescheidenen Ziegelhäuschen bis zu einfachen Hofanlagen.

Vom »Motor Hotel« zur Massenerscheinung

Das allererste Motel trug den Namen The Milestone Mo‑Tel und eröffnete 1925 in San Luis Obispo, auf halbem Weg zwischen San Francisco und Los Angeles. Die Bezeichnung entstand, so die Überlieferung, schlicht weil “Motor Hotel” nicht aufs Schild passte.

Das Prinzip war einfach: Gäste stiegen direkt vom Parkplatz ins Zimmer ein. Günstige Preise und grundlegender Komfort machten Motels schnell populär. Bereits 1929 entstand in Texas die erste Motel‑Kette namens Alamo Plaza; in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erwiesen sich die Häuser als nützlich für jene, die mit dem Auto durchs Land zogen, um Arbeit zu suchen.

Rassentrennung und das grüne Verzeichnis

Der Aufstieg der Motels war jedoch nicht für alle Reisenden uneingeschränkt positiv. Afroamerikanische Fahrer wurden vielerorts abgewiesen; besonders in den Südstaaten waren Hotels, Tankstellen und Restaurants oft nicht zugänglich.

Als Reaktion darauf erschien 1936 in New York erstmals das Negro Motorist Green‑Book, ein jährlich aktualisiertes Reiseverzeichnis, das gezielt Orte auflistete, wo schwarze Reisende sicher übernachten und versorgt werden konnten. Das Heft blieb bis 1966 in Druck.

Wachstum, Proteste und historische Einschnitte

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der nationale Straßenverkehr stark zu: Benzin war wieder verfügbar, Familien unternahmen Ausflüge, und das Bild der Motels — Neonreklame, mehrstöckige Anlagen, oft in U‑Form um Parkflächen gebaut — verfestigte sich.

1952 eröffnete das erste Holiday Inn mit dem jetzt bekannten roten Stern über dem Logo; eine Übernachtung kostete damals rund vier Dollar, nach heutigem Vergleichswert etwa 42 Euro. In den 1950er‑ und 60er‑Jahren boten manche Motels auch Räume für die Bürgerrechtsbewegung: In Birmingham etwa trafen sich Aktivisten, um Demonstrationen und Sit‑ins zu planen.

Die Erfolgswelle erreichte Mitte der 1960er‑Jahre ihren Gipfel: Tourismusforscher Mark Okrant beziffert den Bestand damals auf etwa 61.000 Motels in den USA. Doch die Geschichte nahm tragische Wendungen: 1968 wurde Martin Luther King im Lorraine Motel in Memphis erschossen; das Gebäude ist heute ein Museum zur Bürgerrechtsbewegung.

Niedergang durch Flugverkehr und Autobahnen

Ab den 1970er‑Jahren begann der Rückgang. Billiges Fliegen und expandierende Mietwagenangebote verringerten die Notwendigkeit langer Autofahrten. Hinzu kamen die neuen Interstate‑Highways, die klassische Routen wie die Route 66 entwerteten; 1984 wurde die Strecke formal stillgelegt und viele Familienbetriebe verloren ihre Verkehrsader.

Bis 2012 sank die Zahl der Motels in den USA auf etwa 16.000.

Wiederbelebungen: Pandemie, Popkultur und neue Ansprüche

Die Covid‑Pandemie brachte eine kurzfristige Rückkehr: Reisende bevorzugten das Auto gegenüber Flugreisen, und die offen zugänglichen Flure und Außentreppen von Motels galten als hygienischere Alternative zu klassischen Hotels.

Parallel veränderte sich das Image langfristig. Motels sind nicht länger nur preiswerte Übernachtungsorte am Wegesrand. Viele Betreiber modernisieren Häuser, setzen auf Design, hochwertiges Interieur und anspruchsvolle Gastronomie. Aus einfachen Motor‑Hotels werden punktuell Boutique‑Adressen mit eigenem Publikum.

Luxusmotive an der Straße

Einige Beispiele verdeutlichen den Wandel: Das Silver Sands Motel & Beach Bungalows in Greenport auf Long Island kombiniert Privatstrand mit behutsamer Restaurierung eines Hauses von 1957; die Tarife reichen je nach Saison von moderaten bis deutlich höheren Beträgen. Das Bluebird Spa City Motor Lodge in Saratoga Springs wurde 1982 eröffnet und jüngst modernisiert; das Motel wirbt mit zentraler Lage an der Broadway‑Straße. In Kalifornien bietet das 1959 erbaute Skyview Los Alamos renovierte Zimmer, Pool und ein nostalgisches Neon‑Schild.

Wer solche Objekte besuchen möchte, sollte vorab reservieren: An beliebten Daten sind Wartelisten üblich.

Die Geschichte des Motels ist damit keine abgeschlossene Erzählung, sondern ein laufender Prozess: Aus pragmatischen Rastplätzen wurden kulturelle Symbole, Orte des Protests und heute zunehmend Ziele für anspruchsvolle Reisende.

Kategorien USA

Geben Sie Ihr Feedback

Seien Sie der Erste, der dieser Beitrag bewertet
oder hinterlassen Sie eine detaillierte Bewertung



breitengrad53.de ist ein unabhängiges Medium. Unterstützen Sie uns, indem Sie uns zu Ihren Google News Favoriten hinzufügen:

Kommentar posten

Kommentar veröffentlichen