Kleindeutschland in Manhattan: Eine Spurensuche

Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung verbergen


Ein neu gestalteter Stadtplan macht die Spuren von New Yorks ehemaligem „Kleindeutschland“ wieder sichtbar: Er führt zu Gebäuden, Plätzen und Denkmälern rund um den Tompkins Square Park und erzählt von einer einst lebendigen deutschen Gemeinde, die heute kaum noch zu erkennen ist. Die Karte ist Teil einer Initiative des Deutschen Generalkonsulats und will Erinnerung und Stadtraum verbinden.

Wie eine Nachbarschaft sich formierte

Ab etwa 1830 kamen viele Deutsche nach New York, überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen. Sie richteten eigene Vereine, Kirchen, Zeitungen, Brauereien und Wirtshäuser ein und bewahrten so ein deutliches kulturelles Profil.

Historische Szene deutscher Einwanderer in New York des 19. Jahrhunderts
Deutsche Einwanderer formierten in den 1830er Jahren eigene Vereine, Kirchen und Betriebe.

Anders als andere Einwanderergruppen ordneten sich die Deutschen selten nach Konfession. Katholiken, Protestanten und Juden lebten nebeneinander; die soziale Identität ergab sich oft aus der Herkunftsregion. Ganze Straßenzüge sprachen damals Deutsch; 1840 lebten bereits rund 24.000 Deutsche am Hudson, und um 1880 stellten sie etwa ein Viertel der Stadtbevölkerung.

Ein Plan zeigt 29 historische Orte

Der neue Plan, gestaltet vom Schweizer Comic-Künstler Simon Kiener, markiert 29 Stationen, die Besucher zu historischen Adressen leiten. Als Ausgangspunkt eignet sich zum Beispiel das frühere Gebäude der Germania Bank an der Bowery und Spring Street, oder die Ottendorfer Library an der Second Avenue, eine der ältesten Zweigstellen der New York Public Library.

Faltplan für einen historischen Rundgang durch New York
Der neue Plan markiert 29 Stationen, die Besucher zu historischen Adressen führen.

Die Bibliothek wurde nach Oswald Ottendorfer benannt. Ottendorfer gehörte zu den sogenannten Achtundvierzigern, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 ins Exil gingen. In New York baute er die deutschsprachige „New Yorker Staats-Zeitung“ zu einer der großen Tageszeitungen aus; zur Blütezeit verkaufte sie um 1886 etwa 60.000 Exemplare.

Unmittelbar neben der Bibliothek steht ein Gebäude mit der Inschrift „Deutsches Dispensary“ – damals ein Armenkrankenhaus, das die soziale Fürsorge in Kleindeutschland mittrug. Solche Einrichtungen zeugen von einem eng vernetzten Gemeinwesen, das Hilfsangebote bereitstellte.

Politik, Kultur und technische Spuren

Im Viertel trafen sich nicht nur Handwerker und Geschäftsleute. Am Turn Verein (66–68 East 4th Street) versammelten sich Sozialisten, wurden Theaterstücke aufgeführt und Debatten geführt. Hier fand 1882 die Uraufführung von Abraham Goldfadens jiddischem Stück „Koldunya“ in Amerika statt; später sprach dort die Anarchistin Emma Goldman.

Auch architektonische und infrastrukturelle Beiträge deutscher Herkunft prägen die Stadt. Der Ingenieur Johann August Roebling, ein Hegelianer aus Mühlhausen, entwarf die Brooklyn Bridge. Er übernahm gestalterische Elemente aus seiner Heimatkirche und setzte sie in den Brückenpfeilern um.

Musikalische Traditionen erhalten Institutionen wie der Liederkranz Club (6 East 87th Street) bis heute. Und in der Bronx steht der Loreleybrunnen am Grand Concourse: Er wurde 1899 von deutschamerikanischen Gruppen errichtet, nachdem deutsche Städte den Dichter Heinrich Heine wegen seiner jüdischen Herkunft abgelehnt hatten.

Zu den Initiatoren des Brunnens gehörte auch Carl Schurz. Schurz kämpfte 1848 in Baden, emigrierte später in die USA, arbeitete mit Abraham Lincoln zusammen, diente im Bürgerkrieg als General, wurde Senator und schließlich Innenminister. In dieser Position setzte er sich unter anderem dafür ein, die Politik gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern zivilen Behörden zu übertragen.

Das Ende einer Nachbarschaft

Eine der einschneidendsten Ereignisse für das Viertel war die Schiffs-Katastrophe der General Slocum am 15. Juni 1904. Auf einem Ausflug auf dem East River fing das Schiff Feuer; an Bord war eine evangelisch-deutsche Gemeinde. Mehr als 1.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, kamen ums Leben.

Die Folgen waren verheerend: Viele Hinterbliebene zerbrachen an der Erinnerung, manche zogen weg. In Gerichtsverfahren zeigte sich, dass Rettungsringe versanken und Inspekteure bestochen worden waren. Als Konsequenz führte New York erstmals verbindliche Sicherheitsstandards ein. Für die Überlebenden kam dies zu spät.

Der Zerfall von Kleindeutschland setzte sich fort. Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg verschärfte sich 1917 die antideutsche Stimmung: Konzerte wurden abgesagt, deutsche Kultur geriet unter Druck, und manche Deutschsprachigen verloren Bürgerrechte. Später gab es eine unheilvolle Nachwirkung, als in den 1930er-Jahren der American Bund in der Upper East Side Anhänger fand und 1939 im Madison Square Garden eine Kundgebung mit rund 20.000 Teilnehmern stattfand, bei der Hakenkreuzflaggen gezeigt wurden.

Was heute bleibt

Von dem einstigen Viertel zeugen heute nur wenige Originalorte: Die Feinkost Schaller & Weber (1654 Second Avenue) und das Restaurant Heidelberg (1648 Second Avenue) sind Überbleibsel der deutschsprachigen Gastronomie. Sonst ist nur noch Erinnerung vorhanden.

Der neue Stadtplan will genau diese Erinnerung sicht- und begehbar machen. Er ist kostenfrei im Deutschen Generalkonsulat New York (871 United Nations Plaza) sowie in ausgewählten New Yorker Bibliotheken erhältlich, etwa in der Ottendorfer Library auf der Second Avenue und in der Bibliothek am Tompkins Square Park.

Kategorien USA

Geben Sie Ihr Feedback

Seien Sie der Erste, der dieser Beitrag bewertet
oder hinterlassen Sie eine detaillierte Bewertung



breitengrad53.de ist ein unabhängiges Medium. Unterstützen Sie uns, indem Sie uns zu Ihren Google News Favoriten hinzufügen:

Kommentar posten

Kommentar veröffentlichen