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Peter Gebhard, Reisefotograf und Buchautor, hat Jahrzehnte auf allen Kontinenten verbracht. Vor seiner Live-Tournee „360° Deutschland“ und dem Erscheinen des gleichnamigen Buchs erklärt er, warum Stille, Improvisation und bewusster Verzicht für ihn die Grundlage guter Reisen sind.
Anfänge: Selbstversorger statt Komfort
Seine ersten prägnanten Reisen unternahm Gebhard als Jugendlicher. Mit 16 machte er eine Interrail-Tour durch Nordskandinavien, ein Jahr später folgte eine mehrwöchige Wandertour durch Lappland mit drei Freunden. Die Ausrüstung war spärlich: ein einfaches Zelt, Bundeswehr‑Schlafsäcke und Rationen.
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Das Übernachten im Freien und die Notwendigkeit, Strecke, Flussüberquerungen und Verpflegung selbst zu organisieren, prägten seine Sicht aufs Reisen. Für ihn waren diese Etappen weniger Ferien als eine Form der Selbstfindung: Welche Kräfte habe ich, wo liegen meine Grenzen?
Gefahr und Intuition unterwegs
Gebhard berichtet von mehreren bedrohlichen Situationen, die seine Wahrnehmung geschärft haben. 1984 schlief er an einer Nebenstraße nahe des Death Valley in einer kargen Kakteenlandschaft und erwachte mit einem unguten Gefühl. Kurz darauf hielt ein Auto in zehn Metern Entfernung, drei Männer stiegen aus und leuchteten mit ihren Scheinwerfern auf sein Fahrzeug. Schließlich urinierten sie, stiegen ein und fuhren weiter. Dieses Erlebnis zeigte ihm, wie sensibel Menschen in der Stille auf unbestimmte Signale reagieren.
Ein anderes Mal wurde er in Panama-Stadt tagsüber von Jugendlichen mit Messer und Machete attackiert; die Verletzungen blieben oberflächlich. Bedrohlicher wurde es im Amazonasgebiet: Auf der Fahrt von Manaus Richtung Porto Velho verwandelte sich die Straße nach etwa 100 Kilometern in eine schlammige Piste. Nach 60 Kilometern blieb sein Fahrzeug im Schlamm stecken, Wasserreserven gingen zur Neige, die Hitze war drückend. Er beschreibt, wie in dieser Situation erstmals echte Panik aufkam – und wie das hektische Schaufeln schließlich nach einer Stunde zum Befreien des Wagens führte.
Was Reisen lehrt
Aus solchen Erfahrungen zieht Gebhard den Schluss, dass Reisen die Fähigkeit zur Improvisation stärkt. Wer früh lerne, Alternativen zu denken, entwickle ein inneres Plan B – im Kleinen wie im Großen. Er nennt Lateinamerika als lehrreiche Schule dafür: Hürden führten oft zu Lösungen, die im Nachhinein etwas Neues und Positives hervorbrachten.
Gleichzeitig kritisiert er die Komfortblase moderner Pauschalreisen. Ein Verkaufsleiter aus Sachsen habe einmal pointiert gesagt, das eigentliche Problem sei der „Mangel an Mangel“ – ein Gedanke, den Gebhard teilt. Für ihn steckt der Wert vieler Reisen gerade im bewussten Verzicht: Weniger Ablenkung führt zu intensiveren Eindrücken.
Langsamkeit, Begegnung, Einfallsreichtum
Trampen, Wandern und langsame Fortbewegung erscheinen ihm nicht nur als Sparmodell, sondern als Methode, den Blick zu schärfen. Ein altes Bild, das er zitiert, besagt, Schildkröten wüssten mehr über den Weg als Hasen. Mit zunehmendem Alter habe er diese Einsicht nur vertieft.
Seine Wahl des Reisemittels folgt derselben Logik: Seit 2015 ist er mit einem alten, rot‑weißen VW‑Bulli unterwegs. Der Bus, Baujahr 1975, war früher Nutzfahrzeug eines Bauern in São Paulo. Nach einer Panne in Kroatien half ihm ein Mechaniker namens Erwin, weshalb Gebhard das Fahrzeug so taufte. Erwin sei weder komfortabel, schnell noch besonders sicher – aber er schaffe Gesprächsanlässe und öffne Menschen.
Familie, Balance und Reisen mit Kindern
Das Nomadenleben hat persönliche Kosten gekostet. Gebhard berichtet, dass die dauernden Abwesenheiten und Produktionsbelastungen zu einer unausgewogenen Verteilung der Care‑Arbeit innerhalb der Familie führten. Die Ungleichheit habe die Beziehung zu seiner Frau stark belastet und beinahe zerstört.
Gleichzeitig bietet er praktischen Rat für reisende Eltern: Kleine Kinder finden Abenteuer schon vor der Haustür, Jugendliche brauchen Kompromisse. Ein Beispiel aus dem letzten Herbst: Seine Tochter bestand in New York auf Drehorten aus Serien wie „Gossip Girl“. Nach anfänglichem Widerwillen inszenierten sie einige Szenen – und hatten gemeinsam Spaß, was sie offener für seine eigenen Programmpunkte wie Williamsburg oder Coney Island machte.
Tipps für unsichere Reisende
Gebhard rät, nicht gleich das Extrem zu suchen. Ein einfaches Projekt wie eine Radtour von Berlin an die Ostsee ohne feste Unterkunft könne überraschend viel an Begegnungen und Selbstvertrauen bringen. Auf seiner Deutschland‑Umrundung seien mehr als 90 Prozent der Kontakte spontan entstanden. Sein Rat: Sich ins kalte Wasser wagen – anfangs beängstigend, später belebend.
Zur Person
Peter Gebhard, Jahrgang 1959, entdeckte früh die Faszination für Karten und Reisen. Bereits als Kind tippte er Abenteuer auf die Schreibmaschine seines Vaters und lotste die Eltern mit dem Atlas im Schoß zu Verwandten. Beruflich durchquerte er über Jahrzehnte vor allem Amerika und Europa. In jüngster Zeit umrundete er Deutschland mit seinem Bulli. Im Oktober erscheint sein neues Buch „360° Deutschland“ (224 Seiten, 44,90 Euro).












