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In Charleroi, einer belgischen Industriestadt mit ramponiertem Ruf, haben sich Künstler und Ehrenamtliche daran gemacht, verlassene Fabriken, Kohlehalden und verfallene Straßen neu zu bespielen. Aus dem Image der «verlorenen Stadt» entstehen Stadtsafaris, Kunstinstallationen und Wanderwege, die eine andere Seite der Stadt zeigen.
Zwischen bröckelndem Prunk und Leerstand
Wer die Rue de Mons betritt, trifft zuerst auf offensichtlich verfallene Häuser: Müllberge vor Haustüren, überwucherte Werkstattmauern und verrammelte Fenster prägen das Bild. Jogger und Jugendliche mit Motorrädern fahren auf die rauchenden Schornsteine und Abraumhalden am Horizont zu.

Trotz der Trostlosigkeit findet man Farbtupfer: eine Werbeplakat mit der Aufschrift «Sparen ist langweilig» und der Graffiti-Schriftzug «J’existe» an einer Häuserwand. Solche Details verweben sich mit Relikten der einstigen Blütezeit — Rathaus mit 70 Meter hohem Glockenturm und die «Universität der Arbeit» erinnern an den Wohlstand, den Bergbau, Glas- und Stahlindustrie bis Mitte des 20. Jahrhunderts brachten.
Wirtschaftlicher Niedergang und seine Spuren
Der strukturelle Rückgang setzte in den 1970er-Jahren ein: Bergwerke schlossen, Industriebetriebe gaben auf, Einkaufszentren im Umland entzogen dem Zentrum Kunden. Viele Geschäfte verschwanden, Häuser stehen leer und Anwohner zogen weg. Die Backsteinfassaden mit Jugendstilelementen, hölzernen Balkonen und Mosaiken deuten noch auf bessere Zeiten hin.
Die Stadtlandschaft zeigt so die Brüche der regionalen Industriegeschichte: wo einst Luxusläden lagen, hängen heute «à vendre»-Schilder. Vieles ist nur noch Erinnerung — oder Gelegenheit für neue Nutzungen.
Kunst, Urbex und neue Formen der Stadterkundung
Nicolas Buissart, ein 48-jähriger Stadtführer, hat sich auf genau diese Brüche spezialisiert. Seine «Charleroi Adventure»-Touren führen in verlassene Industriehallen, ein leerstehendes Schwimmbad mit Wandmosaik oder in ein 1863 gegründetes Stahlwerk, das inzwischen als Kunstraum und Veranstaltungsort genutzt wird.
«Charleroi ist nicht schön, aber wir Künstler versuchen zu vermitteln, dass es sympathisch ist», sagt Buissart. Seine Führung verbindet Geschichte, Humor und Lokalwissen. Was vor Jahren als provokante Performance im Kunststudium begann, hat sich zu einer ganzjährigen Nachfrage entwickelt: Urbexen — die systematische Erkundung sogenannter Lost Places — ist beliebt.
Die Inszenierung des Verfalls hat nicht nur Tourist:innen angezogen, sondern auch neue Nutzungen ermöglicht: Brachen werden zu Galerien, Hallen zu Eventorten, Wandflächen zur Bühne für großformatige Streetart.
Die Terrils: Hügel aus Industrie und neue Biotope
Ein anderes Projekt, das aus bürgerschaftlichem Engagement entstand, ist die Boucle Noire. Initiiert von Micheline Dufert und ihrem Mann Francis Pourcel, führt der rund 23 Kilometer lange Rundweg durch das ehemalige Industriegebiet und über die sogenannten Terrils, die Abraumhalden des Kohlebergbaus.

Aus schwarzen, kargen Hügeln sind heute vielerorts grüne Flächen geworden, auf denen sich neue Biotope entwickeln. Die Route verbindet städtischen Lärm mit stillen Naturzonen, zeigt verfallene Industriearchitektur neben farbenfroher Kunst. Auf den Terrils wachsen inzwischen Birken und Eichen; unter der Oberfläche finden sich noch schwarze Schlackenreste.
Die Initiative zeigt, wie lokale Akteure mit vergleichsweise geringen Mitteln eine neue Nutzungsperspektive schaffen können — vom Joggingpfad bis zum Ausflugsziel mit Panoramablick über die Industriebrüche.
Kulturelle Anker und Besucherangebote
Neben den privaten Touren gibt es etablierte Sehenswürdigkeiten: Das ehemalige Bergwerk Bois du Cazier ist als Industrieerbe erhalten und beherbergt Museen, die an den Bergbau und an ein verheerendes Grubenunglück erinnern. Das Museum für Fotografie verfügt über eine umfangreiche Sammlung mit rund 100.000 Fotografien und zeigt wechselnde Ausstellungen.
Für Besucher:innen bieten Stadtführer, Museen und lokale Initiativen unterschiedliche Zugänge — von historischen Rundgängen über Streetart-Touren bis zu Wanderungen über die Terrils. Viele Projekte sind durch ehrenamtliches Engagement oder lokale Initiativen entstanden, nicht durch große öffentliche Investitionen.
Praktische Hinweise
- Ort: Charleroi liegt in Wallonien, rund 70 Kilometer südöstlich von Brüssel; vorherrschende Sprache: Französisch.
- Beste Reisezeit: Frühjahr bis Herbst.
- Anreise: per Zug oder über Brüssel mit Weiterverbindung nach Charleroi.
- Sehenswert: Museum für Fotografie (museephoto.be); Bois du Cazier mit Industrie- und Glasmuseum (leboisducazier.be).
- Touren: Das «Charleroi Adventure» dauert etwa fünf Stunden; Angaben und Preise siehe charleroiadventure.com. Routen der Boucle Noire sind online dokumentiert (cheminsdesterrils.be).
- Mehr Informationen: charleroi.be, visitwallonia.de.
Charleroi bleibt eine Stadt im Auf- und Ab: Ruinen und Kultur, Verfall und Neuentwicklung liegen hier dicht beieinander. Für Besucher:innen bieten die Kombination aus Geschichte, Fotografie und experimenteller Kunst einen ungewöhnlichen Blick auf einen Ort, der sich neu erfindet.












