Reeperbahn wird 400: Musikalische Stationen von den Beatles bis zum Punk

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Vor 400 Jahren entstand aus einem Handwerksviertel eine Straße, die Musikgeschichte schrieb: 2026 wird die Reeperbahn vier Jahrhunderte alt. Zum Jubiläum erinnert Hamburg an Etappen, Clubs und Szenen, die die Meile vom Indra bis zum Reeperbahn Festival weltberühmt gemacht haben.

Feierjahr und Eröffnungsfest

Die offiziellen Veranstaltungen begannen Ende April mit einem Fassanstich auf dem Spielbudenplatz. Dort wurden Besucherinnen und Besucher zum Mitsingen von Udo Lindenbergs Song Reeperbahn aufgefordert; lokale Acts wie Bernd Begemann und die Befreiung traten auf.

Besucher beim Fassanstich und Open-Air-Auftritt auf dem Spielbudenplatz
Eröffnungsfest am Spielbudenplatz: Fassanstich und Live‑Acts

Unter dem Motto „400 Jahre – 400 Shows“ läuft ein umfangreiches Programm, das seinen Höhepunkt im Rahmen des Reeperbahn Festivals findet. In diesem Jubiläumsjahr traten unter anderem die von Elton John gelobte Nectar Woode, die irische Formation Madra Salach und das Berliner Quintett Remote Bondage auf.

Wie die Beatles die Reeperbahn prägten

Der musikalische Ruf der Reeperbahn nahm Anfang der 1960er Jahre Fahrt auf. Am 17. August 1960 spielten die Beatles im Club Indra auf der Großen Freiheit 64 ihren ersten Auftritt unter diesem Namen – der erste Gig außerhalb Englands. Damals fehlte noch Ringo Starr; am Schlagzeug saß Pete Best, am Bass Stuart Sutcliffe.

Enge Clubbühne mit Band in den 1960er Jahren auf der Großen Freiheit
Das Indra und spätere Clubs waren frühe Auftrittsorte der Beatles

Die Band übte sich in langen Sets vor einem oft schwierigen Publikum und verfeinerte so ihre Bühnenpräsenz. Als das Indra im Oktober 1960 wegen Ruhestörung geschlossen wurde, wechselten die Beatles in den Kaiserkeller und später in Clubs wie den Top Ten und den Star-Club.

Mehrere Aufenthalte in Hamburg prägten den Aufstieg der Band. Ihr letzter Auftritt im Star-Club fiel auf Silvester 1962/63; wenige Monate zuvor war im Oktober 1962 die Single Love Me Do erschienen. Der Star-Club selbst wurde 1969 geschlossen und 1987 abgerissen; an der Stelle erinnert heute eine Gedenktafel an die frühe Hamburger Phase der Beatles.

Gruenspan und die Rockjahre der 70er

In den 1970er Jahren avancierte der Club Gruenspan auf der Großen Freiheit 58 zur wichtigen Adresse für Progressive- und Krautrock. Das Gebäude hatte zuvor verschiedene Nutzungen erlebt – vom Tanzsalon Palmengarten über ein Hippodrom bis zum Kino und einer Badeanstalt.

Das Gruenspan zog Publikum unter anderem durch eine frühe Pop-Art-Wandmalerei und eine damals spektakuläre Lichttechnik an; Ende der 70er kamen erstmals Lasertechnik und Stroboskopeffekte zum Einsatz. Auf der Bühne standen Bands wie Fairport Convention, Uriah Heep und Camel.

Im Laufe der Zeit reichten die Genres weit darüber hinaus: Von den Scorpions über R.E.M. bis zu Pet Shop Boys und Seeed traten im Gruenspan Künstler aus aller Welt auf. Zudem gehörte der Club zu den ersten Spielstätten, in denen DJs regelmäßig auflegten.

Mojo Club: Acid Jazz, Breakbeat und Black Music

Ende der 1980er Jahre startete die Veranstaltungsreihe, die später zum festen Club wurde, als mobiles Projekt unter den Namen Oliver Korthals und Leif Nüske. Ziel: Groove-orientierte Musik in Hamburg etablieren.

Anfänglich fanden die Veranstaltungen an ungewöhnlichen Orten wie dem Holthusenbad, dem Club Kir oder auf dem Museumsschiff Cap San Diego statt. Später bot eine stillgelegte Bowlinghalle an der Reeperbahn lange Jahre das Zuhause des Mojo Club (Adresse: Reeperbahn 1).

Am Wochenende bildeten sich oft lange Schlangen vor dem Club, in dem die neuesten Sounds aus UK—Breakbeat, Drum’n’Bass, Acid Jazz—gespielt wurden. Namen wie Gilles Peterson, Massive Attack, Roni Size oder Kruder & Dorfmeister traten dort auf. Nach einer Schließung existiert das Mojo inzwischen wieder; das Clubgeschehen findet erneut an der alten Adresse, nun tief unter der Erde, statt, nachdem das ursprüngliche Gebäude abgerissen und durch die Tanzenden Türme ersetzt wurde.

Punk, Indie und das Molotow

Als 1990 das Molotow am Spielbudenplatz eröffnete, bot das Haus Newcomern eine dringend benötigte Bühne. Betreiber Andi Schmidt verfolgte von Anfang an das Ziel, Nachwuchsbands Auftrittsmöglichkeiten zu geben.

Das Molotow entwickelte sich zu einer Brutstätte für Talente. Zahlreiche heute große Namen standen hier früh auf der Bühne, darunter internationale und deutsche Acts wie The White Stripes, Mumford & Sons, Die Toten Hosen, The Hives, Wir sind Helden, Mando Diao und The Killers.

Wegen Einsturzgefahr wurde das Molotow 2013 evakuiert und zog mehrfach um. Seit dem vergangenen Jahr hat der Club wieder eine feste Adresse: Reeperbahn 136 — am Ort des ehemaligen Top-Ten-Clubs, wo einst auch die Beatles spielten.

Hamburger Hip-Hop und die Hamburger Schule

In den 1990er Jahren entstanden in Hamburg parallel zwei prägende Bewegungen. Die sogenannte Hamburger Schule mit Bands wie Blumfeld, Tocotronic und Die Sterne sprach ein alternatives Indie-Publikum an. Gleichzeitig entwickelte sich eine eigenständige Hip-Hop-Szene mit Gruppen wie den Beginnern (damals Absolute Beginner), Fettes Brot und Der Tobi & das Bo.

Die frühe deutsche Rap-Szene begann meist auf Englisch und mit sozialkritischen Texten. Als Acts wie Advanced Chemistry zeigten, dass auch auf Deutsch gerappt werden kann, folgten andere — die Beginner und ihr Album Bambule (1998) gelten als Auslöser des ersten Deutschrap-Booms. Später prägten auch Formationen wie die 187 Strassenbande das Bild des Kiezes.

Das Reeperbahn Festival als Plattform

Im September 2006 startete das erste Reeperbahn Festival. Aus einem vergleichsweise kleinen Event entwickelte sich in zwei Jahrzehnten ein Festival mit Anspruch, das heute als eine der wichtigsten Club- und Popkulturplattformen Europas gilt.

Anfänglich wurde mit dem Versprechen geworben, mit einem Ticket rund 200 Konzerte an etwa 20 Spielstätten sehen zu können — vor allem Acts, die als „Next Big Thing“ galten. Das Festival hat sein Angebot erweitert: Es umfasst inzwischen ein Fachprogramm, Kunst- und Filmbeiträge und bietet zeitweise bis zu 1.000 Programmpunkte an mehr als 90 Spielstätten. Mehr als 50.000 Besucherinnen und Besucher nehmen die Veranstaltungen wahr.

Die Reeperbahn bleibt somit weit mehr als eine historische Straße: Sie ist ein lebendiger Konzertort und kultureller Begegnungsraum, dessen musikalische Bedeutung über vier Jahrhunderte hinweg stetig gewachsen ist.

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