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Williamsburg, auf der anderen Seite des East River, ist mehr als eine Fotokulisse für die Manhattan-Skyline: Das Viertel verbindet spektakulische Ausblicke mit einem lebendigen Nachbarschaftsleben. Für Reisende, die Nähe zur City und gleichzeitig echten New‑York‑Alltag suchen, kann Williamsburg eine spannende, oft günstigere Alternative zu Manhattan sein.
Zwischen Skyline und Wohnstraßen
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Der Blick von der Uferpromenade über den East River auf das Empire State Building, das One World Trade Center und die Williamsburg Bridge ist beeindruckend. Viele Touristinnen und Touristen gucken nur kurz vom Fähranleger – wir dagegen hatten diese Perspektive täglich, weil wir uns entschieden hatten, dort zu wohnen.
Flüge nach New York sind aktuell vergleichsweise erschwinglich: Für drei Personen zahlten wir knapp 1.200 Euro hin und zurück. Die hohe Hotelpreisentwicklung in Manhattan treibt viele Besucher allerdings weg vom Zentrum. Unser Kompromiss: das «Penny Williamsburg», ein zehngeschossiger Bau mit kleinen Studios. Für eine Woche bezahlten wir zu dritt rund 2.000 US‑Dollar; das Zimmer maß etwa 17 Quadratmeter und bot eine kompakte Kitchenette sowie drei kreativ gestellte Betten.
Die Anbindung war praktisch: vier Gehminuten zur Linie L, von dort sind es etwa neun Minuten unter dem East River bis zum Union Square. So verbindet Williamsburg die Ruhe eines Wohnviertels mit schneller Erreichbarkeit Manhattans.
Vom Industriehafen zum Wohnviertel
Williamsburg hat in zwei Jahrhunderten viele Wandlungen erlebt. Im 19. Jahrhundert zogen dort zahlreiche deutsche Einwanderer hin. Nach dem Bau der Williamsburg Bridge im Jahr 1903 entwickelte sich das Ufer zu einer dichten Industriezone: Werften und Möbelfabriken prägten das Bild.
Mit der Deindustrialisierung in den 1970er‑Jahren brachen viele Arbeitsplätze weg. Leerstände zogen Künstlerinnen und Künstler an, die sich Soho oder das East Village nicht mehr leisten konnten. Später kamen die Szenegruppen und schließlich Familien – heute mischen sich alle Bewohnergenerationen.
Ein markantes Beispiel für die Umnutzung industrieller Bauten ist das Gelände der ehemaligen Domino‑Zuckerfabrik: Dort entstand mit dem Domino Park eine Promenade am Fluss, die Jogger, Hundebesitzer und Erholungssuchende anzieht. Alte Ziegelbauten stehen zwischen modernen Wohntürmen und dienen inzwischen als Veranstaltungsorte oder Lofts.
Alltag, Gastronomie und Szene
Das kommerzielle Herz bildet die Bedford Avenue samt Nebenstraßen: eine Mischung aus frisch gebauten Condos, historischen Backsteinfassaden und Läden mit außenliegenden Feuerleitern. In Schaufenstern dominieren Vintage‑Mode und Schmuck; Foodtrucks bieten Tex‑Mex, Bagels und Pastrami an.

Cafés wie die Black Star Bakery und Röstereien wie Devoción sind feste Anlaufpunkte für Frühstück und Kaffee. Lokale wie der Radegast Biergarten oder die Brooklyn Brewery erinnern daran, dass hier deutsche Spuren sichtbar sind. Wo ein Whole Foods eröffnet, wird der soziale Wandel des Viertels offenbar: Solche Filialen zeugen vom Grad der Aufwertung.
Am Wochenende lockt im Sommer der Smorgasburg Food Market: Auf der ehemaligen Industriebrache verkaufen rund 70 Stände alles von japanischen Pancakes bis zu Austern und ausgefallenen Fleischvariationen. Die Atmosphäre ist ausgelassen; viele Anbieter erlauben Kostproben.
Eine bemerkenswerte Umnutzung ist das Projekt Spire Lofts: Eine alte katholische Kirche wurde zu Wohnungen umgebaut. Ein Mietpreis dort liegt bei etwa 4.000 US‑Dollar im Monat — ein Hinweis auf die steigenden Lebenshaltungskosten in Teilen von Williamsburg.
Kontraste: South Williamsburg und die chassidische Gemeinde
Nur wenige Blocks südlich verändert sich die Stimmung deutlich. Hinter der Williamsburg Bridge beginnt South Williamsburg, wo eine ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft, die Chassidim, lebt. Die Straßen rund um Division Avenue und Lee Avenue wirken wie eine eigene Welt: Läden mit jiddischer Beschriftung, traditionelle Bäckereien und delikat eingerichtete Feinkostgeschäfte prägen das Bild.

Man trifft Männer mit weißen Schläfenlocken, Frauen in langen Röcken und Kopfbedeckung. Selbst die gelben Schulbusse tragen hebräische Schriftzüge. Alltagsrituale unterscheiden sich sichtbar: Etwa werden Jungen und Mädchen in manchen Bussen getrennt platziert.
Ein persönlicher Eindruck
Was uns an Williamsburg faszinierte, war die Mischung aus Wohnlichkeit und Szene. Mütter mit Kinderwagen, Skateboarder, Künstlerinnen und Familien teilen sich den Raum. Der Schriftsteller Henry Miller, der in der Driggs Avenue 662 aufwuchs, brachte es auf den Punkt: „Hier aufzuwachsen war mein Glück.“
Praktische Hinweise
Wo: Williamsburg ist ein Neighborhood in Brooklyn, einem der fünf Boroughs von New York City. Insgesamt leben in Williamsburg etwa 150.000 der rund acht Millionen New Yorker.
Anreise vor Ort: Gut erreichbar ist das Viertel mit der U‑Bahn‑Linie L; Station: Bedford Ave.
Unterkünfte: Das «Penny Hotel» liegt zentral. Weitere bekannte Adressen sind das «Wythe Hotel» und «The William Vale». Preise und Verfügbarkeiten variieren stark, je nach Saison.
Essen: Empfohlene Lokale in der Gegend sind zum Beispiel das brasilianische Beco, das israelische Reunion oder das syrische Bis Bas. Da sich Szene‑Gastronomie schnell ändert, bieten Magazine wie Time Out aktuelle Hinweise zu Trends.
Gospel‑Musik: Wer Gospel‑Musik erleben möchte, findet eine Alternative zu touristischen Angeboten in Harlem beim Brooklyn Tabernacle — einer großen, überkonfessionellen Gemeinde mit einem renommierten Chor.












