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In Dawson City, am Yukon, trifft Goldgräberromantik auf ein ungewöhnliches Trinkritual: Im Downtown Hotel wird ein Whisky serviert, in dem ein konservierter, menschlicher Zeh schwimmt. Das Ritual zieht Besucher an und zeigt, wie sehr die Region noch immer vom Klondike-Goldrausch geprägt ist.
Dawson City: eine Stadt mit Goldrausch-Erbe
Die Kleinstadt im Nordwesten Kanadas wirkt wie aus einer anderen Zeit. Holzfassaden, erhöhte Stege und unbefestigte Straßen erinnern an das Ende des 19. Jahrhunderts, als Zehntausende Menschen in die Gegend strömten. Heute leben dort rund tausend Menschen – weit weniger als in den Tagen des großen Rausches.

Der Schriftsteller Jack London machte die Region literarisch berühmt. Er selbst kehrte 1898 mit nur 4,50 Dollar in der Tasche und mit vom Skorbut ausgefallenen Schneidezähnen nach Kalifornien zurück. Seine Erzählungen trugen mehr zum Mythos bei als jeder Nugget.
Anreise und Wege ins einsame Nordland
Die Region ist nur in den kurzen, fast eisfreien Sommermonaten gut erreichbar. Zwei Routen verbinden Dawson mit der Außenwelt:
- Über den Klondike Highway aus Whitehorse (rund 530 Kilometer südöstlich).
- Oder über den Top-of-the-World Highway aus Alaska, eine beliebte, landschaftlich spektakuläre Strecke.
Beide Routen sind im Wesentlichen nur von Juni bis September verlässlich befahrbar. Für die Einreise auf dem Landweg reicht ein Reisepass; für die Einreise in die USA ist eine ESTA-Genehmigung erforderlich. Laut vorliegenden Informationen ist für die Einreise nach Kanada über den Landweg keine elektronische Reisegenehmigung (eTA) nötig.
Goldsuche als Alltagsbeschäftigung
Noch immer werden an den Flussufern der Region Claims ausgeklopft. Kleine Orte wie Tok, Chicken, Jack Wade oder Little Gold leben vom Outback-Charme und vom gelegentlichen Fundglück. Wer am Fluss die klassischen Metallpfannen kreisen sieht, beobachtet keine Schauspieler, sondern Hobby- und Kleingrubenarbeiter.
Ein typisches Beispiel ist Jim Wynder, ein 70-jähriger Panner aus Toledo, Ohio. Er verbringt seine Sommer am „Chicken Gold Camp“ und erzählt von Funden. Ein Nugget von 1,5 Unzen wurde ihm zufolge schon entdeckt – bei aktuellen Goldpreisen entspricht das laut Quelle etwa 3600 US-Dollar (rund 3300 Euro).
Das Sourtoe-Ritual: Regeln, Herkunft und Wirkung
Die wohl kurioseste Attraktion Dawsons findet abends im Sourdough Saloon im Downtown Hotel statt: der sogenannte Sourtoe Cocktail. Dutzende Gäste tragen sich in eine Warteliste ein und warten auf ihren Drink. Der Slogan des Bartenders fasst die Vorschrift knapp zusammen: Die Lippen müssen den Zeh berühren, beißen, kauen oder schlucken ist verboten – andernfalls droht eine Strafe von 2500 Dollar.

Der Barkeeper Rob Gregory hält das eingelegte Fragment mit einer Pinzette in das Glas. Wer sich darauf einlässt und den Zeh nur mit den Lippen berührt, erhält eine Urkunde und wird in die „Sourtoe Hall of Fame“ aufgenommen. Der Berichterstatter vor Ort wurde so als Mitglied Nummer 106.776 verzeichnet. Für viele Besucher ist das Erlebnis vergleichbar mit einem Adrenalinkick – unangenehm, aber befreiend, wenn das Glas geleert ist.
Die Tradition geht auf Dick Stevenson zurück, der 1973 eine konservierte Zehe in einem Einmachglas entdeckte. Ursprünglich stammte das Körperteil von Louie Liken; in den 1920er-Jahren soll sein Bruder Otto die erfrorene Zehe mit einer Axt entfernt und in Alkohol gelegt haben. Aus einer nächtlichen Idee wurde ein Ritual, das Dawson weltweit bekannt gemacht hat.
Wie die Sitte praktiziert wird
Das Trinkritual findet im Sourdough Saloon statt, ab 18 Uhr können Interessenten in den Sommermonaten an der Bar auf die Liste gesetzt werden. Der Drink selbst kostet laut Angaben etwa zwölf kanadische Dollar; die Aufnahme ins Clubregister inklusive Urkunde schlägt mit weiteren fünf Dollar zu Buche. Wegen der großen Nachfrage kann es, besonders werktags, durchaus bis zu einer Stunde dauern, bis man an der Reihe ist.
Einige praktische Hinweise
- Unterkunft: In Tok/Alaska bieten „RV Village and Cabins“ einfache Hütten, etwa ab umgerechnet 136 Euro pro Nacht. In Dawson sind Unterkünfte wie „The Bunkhouse“ (Doppelzimmer ab rund 74 Euro, einfache Kategorie) oder das „Downtown Hotel Dawson“ (ab rund 162 Euro) gebräuchlich.
- Buchtipp: Wer literarisch vorbereiten möchte, findet Jack Londons „Lockruf des Goldes“ als Einstimmung nützlich. Ebenfalls bekannt ist Robert W. Services Gedichtsammlung „The Spell Of The Yukon“ (englisch).
- Infos & Planung: Offizielle Seiten zu Alaska, Yukon und Dawson liefern zusätzliche Hinweise zu Routen, Saison und Services.
Warum das alles heute noch zieht
Dawson verbindet Geschichte, Landschaft und skurrile Traditionen. Die Stadt lebt vom Erbe des Klondike-Rauschs, von Touristen, die das Flair suchen, und von Reisenden, die die weite Natur erleben wollen. Und wer ein Gespräch mit Einheimischen führt, merkt schnell: Manche Geschichten, so bizarr sie klingen, gehören hier einfach dazu.












